Ben Givens, ein pensionierter Herzchirurg aus der Stadt Seattle, hat Darmkrebs. Seine Krankheit ist unheilbar. Die Monate langsamen Siechtums, die ihm bevorstehen, will sich Givens ersparen. An einem regnerischen Herbstmorgen steigt er in sein Auto - einen International Scout mit Allradantrieb, Baujahr 69 - und fährt mit seinen Hunden Rex und Tristan in die Berge östlich der großen Stadt und in die Flußtäler hinter den Bergen, um Wachteln zu jagen und sich an einer geeigneten Stelle mit der doppelläufigen Winchesterflinte seines Vaters zu erschießen.

Unterwegs hat Ben Givens einen Unfall. Am Snoqualmie-Paß, im strömenden Regen, fährt er seinen Wagen gegen einen Baum. Ein junges Paar liest ihn auf und bringt ihn nach Vantage, eine Stadt am Columbia River. Dort trifft er einen Landstreicher, der ihm drei Marihuanazigaretten schenkt. Mit den Zigaretten, den beiden Hunden und dem Pochen des Todes im Leib schlägt sich Ben ins Gelände. Drei Tage und drei Nächte ist er unterwegs. Jeden Abend, wenn die Schmerzen ihn nicht einschlafen lassen, raucht er einen der Joints. Das Rauschgift öffnet die Pforten seiner Erinnerung.

Es gibt einen guten Grund, Bücher zu lesen, und das ist die Lust auf Abenteuer, auf unerhörte Erlebnisse. Und es gibt einen anderen, vielleicht noch besseren Grund, und das ist das Heimweh nach einer Zeit, die wir verloren haben und nur in Traumgesichten zurückbekommen. In diesem Buch verbinden sich beide Motive zu einem. Das macht die Bewegung der Reise, die den alten Mann zu den blühenden Tälern und sanft strömenden Wassern seiner Kindheit und zugleich zu seinem Tode hinträgt, beim Lesen unwiderstehlich, zumindest solange der Zauber anhält und noch nicht durch die Suche des Erzählers nach einer Auflösung der Geschichte gebrochen wird.

Gutersons Stärke ist die Beschwörung des Bleibenden

David Guterson ist, das hat er in seinem Romandebüt Schnee, der auf Zedern fällt gezeigt, ein vorsichtiger, manchmal spröder Erzähler. Er gibt nicht vor, die Welt in ein paar Sätzen erklären zu können; auch wenn er einem der Menschen, die er beschreibt, tief ins Gemüt schaut, leuchtet er nie die ganze Seelenkammer aus. Seine Figuren leben von Aussparungen. Ihr Dasein reicht über Gutersons Prosa hinaus. Deshalb trennt sich der Erzähler ungern von ihnen, die er weniger erfunden als entdeckt hat, Gefährten seines Weges durch die Erscheinungen. Fast mißmutig schlägt er das Buch ihres Lebens zu. Der Schluß von Schnee, der auf Zedern fällt, so unvermeidlich er nach der Entwicklung des Mordprozesses kommen muß, wirkt lieblos und abgehackt, als hätte ihn Guterson bloß aus Pflichtgefühl geschrieben. Seine Stärke ist die Beschwörung des Bleibenden, der Erdbeerfelder auf San Pedro Island, der Apfelplantagen im Columbia River Valley, der Natur und der Menschen, die in ihr arbeiten und träumen - die Passion der vielen, nicht die Dramatik des Einzelfalls.

So auch in Östlich der Berge. Bis ins Schlußkapitel liest man das Buch mit Neugier und Rührung, man möchte wissen, was aus den Menschen wird, die Ben Givens unterwegs getroffen hat, der Tierärztin aus Quincy, den Mexikanern im Bus nach Wenatchee, der Gebärenden im Apfelpflückercamp von Malaga, die Ben ihr Leben und das ihres Kindes verdankt, und man will, daß auch Bens Geschichte irgendwie weitergeht, die Geschichte eines Todkranken, der im langsamen Sterben sein Leben wiedergewinnt. Aber dann läßt Guterson den Roman so rasch enden, daß es weh tut. Man spürt, wie der Faden durchgeschnitten wird und die Erzählung abstürzt. Dieses Buch hinterläßt die bittere Empfindung des Mangels: Es endet, bevor wir genug erfahren haben.

Vielleicht muß es so sein. Vielleicht markiert die bewußte Verknappung des Ausdrucks den Unterschied zwischen Schriftstellern und "Lesefutterknechten" (Peter Handke). Hemingway war in seinen besten Romanen ein Virtuose der Kunst, mehr zu sagen, als schwarz auf weiß geschrieben steht. Raymond Carver und Richard Ford haben die Tradition in Amerika fortgesetzt. Doch bei Guterson wirkt die sprachliche Kargheit gelegentlich unbeholfen und die Distanz des Erzählers maskenhaft. Nur eine dünne Linie trennt die Prosa der Meister vom verfilmbaren Einerlei. Guterson überschreitet sie allzu oft. "In ihm wuchs eine Trostlosigkeit, vor der er zurückwich." Das klingt auch im amerikanischen Original nicht viel besser.