In den siebziger Jahren des 17. und des 18.Jahrhunderts zogen empörte Bauernheere vom Rand des russischen Imperiums auf Moskau zu. Sie zündeten Gutshöfe an und okkupierten privaten Grundbesitz. Unterstützt von der allgemeinen Unzufriedenheit, übersprang der Aufruhr die hilflosen Provinzverwaltungen wie Buschfeuer. Der Donkosak Stenka Rasin führte einen regelrechten Privatkrieg gegen die Hauptstadt. Emeljan Pugatschow, ein wilder Helot der Steppe, galt seinen Anhängern sogar als der echte Zar. Am Ende konnten nur regelrechte Feldzüge die Bewegungen aufhalten, die Rädelsführer wurden in Moskau hingerichtet. Aber die Wut, mit der sich Pugatschows Bauern für ihr Los rächten, zerstörte damals die modische Illusion, daß Rußland durch Aufklärung schnell zu modernisieren sei.

In der vergangenen Woche marschierten Tausende gewalttätiger rumänischer Kumpel vom Rand der Südkarpathen auf Bukarest zu. Der linksfaschistische Politkriminelle Miron Cozma, der in der abgeschriebenen Bergbauregion des Schiltals als König gilt, führte den von Ort zu Ort anwachsenden Haufen in einer blutigen Spur. Unterstützt von der allgemeinen Unzufriedenheit, überrannte der Mob die konfusen rumänischen Ordnungskräfte. Aus Angst vor Massenunruhen wagte es die Regierung erst im letzten Moment, den Bergleuten die offene Schlacht mit 80 Panzern anzudrohen und sie dann durch Zugeständnisse aufzuhalten.

Katzenjammer läßt die ärmeren Schichten Polens und Rumäniens plötzlich wie die Bremer Stadtmusikanten erscheinen. Bisher hatten sich die beiden größten Länder Ostmitteleuropas völlig unterschiedliche Noten verdient. Polen ist der dynamische Spitzenanwärter auf die EU-Mitgliedschaft, Rumänien ein Schlußlicht der zweiten Kandidatenreihe. Auch die verzweifelten polnischen Bauern und die von Ceau–escus Exzöglingen notorisch für reformfeindliche Demonstrationen mißbrauchten rumänischen Kumpel bildeten bisher kein agitatorisches Ensemble. Die Wut aber, die ihre Auftritte in diesen Tagen verbindet, ist zerstörerisch. Sie beseitigt die letzten Hoffnungen, daß Ostmitteleuropa durch monetaristische Rezepte schnell und friedlich zu modernisieren sei.

Als sich Europas Nachkriegsschicksal vor einem Jahrzehnt zu wenden begann, beflügelte der Zusammenbruch des Kommunismus nicht nur Francis Fukujama zu seiner Botschaft, daß der "Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit" erreicht sei. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF), die Weltbank und die amerikanische Regierung propagierten eine Art Ende der Wirtschaftsgeschichte. Neoliberalismus und Freihandel würden die osteuropäischen Staaten schon bald an den westlichen Triumphzug heranführen. Gekoppelt an Finanzhilfen, wurden den Kapitalismus-Eleven Schocktherapie und Marktradikalität verschrieben. Nach der Pleite der sozialistischen Planwirtschaften und den monetaristischen Lehrbüchern folgend, mußte sich der Staat im allgemeinen und der Sozialstaat im besonderen zurückziehen. Die Sanierung der Haushalte galt als vollautomatische Wunderwaffe gegen die alte Versorgungsmentalität.

Je schneller das Staatseigentum in private Hände gelangte, desto besser sollte die Marktwirtschaft funktionieren. Inwieweit ein solches Umwälzungstempo für die Gesellschaften wünschenswert oder machbar wäre, interessierte nicht. Die oft noch postmittelalterlichen Lebensweisen und Arbeitsstrukturen vor allem in Bulgarien, Rumänien und Albanien blieben unbeachtet. Beflissen verwiesen die Westeuropäer dagegen auf die erfolgreiche Aufholjagd Spaniens und Portugals. Sie ließen dabei nur außer acht, daß es dort nicht darum gegangen war, Planwirtschaft zu überwinden, sondern verkrustete politische Strukturen aufzubrechen und die vorhandene Marktwirtschaft von staatlichen Fesseln zu befreien.

Für den Schutz der osteuropäischen Bevölkerungen war keine Zeit. Erst sollte die Wirtschaft rundum liberalisiert werden, nur dann durften die sozialen Aufgaben in Angriff genommen werden. Das mußte ein leeres Versprechen bleiben. Für Gesundheitsfürsorge und Renten waren im Sozialismus der Staat und die staatlichen Betriebe aufgekommen; es gab kein ausgegliedertes Sozialsystem. Selbst bei einem Transformationsprozeß, der die gesellschaftlichen Voraussetzungen vernünftiger in Rechnung gestellt hätte, wären bis heute noch keine ausreichend starken Volkswirtschaften entstanden, um Armut und Elend erfolgreich zurückzudrängen.

Doch die Osteuropa auferlegte drastische Verringerung der Staatsaufgaben und -ausgaben verhinderte obendrein, daß die Regierungen den Strukturwandel nach den Bedingungen ihrer Länder in Angriff nehmen konnten. Technologieförderung oder Existenzgründungen durch kleine und mittlere Unternehmen erhielten kaum eine Chance. Trotz aller politischen und zivilisatorischen Unterschiede sitzen deshalb die polnischen Bauern und die rumänischen Bergleute heute in einem Boot. Weder für sie noch für ihre Kinder gibt es Alternativen auf den Arbeitsmärkten oder Unterschlupf in den Städten.