Radu Vasile war zwar nicht barfuß, und er trug auch kein Büßerhemd. Ansonsten aber glich der Besuch des rumänischen Premierministers im Karpatenkloster von Cozia dem Bittgang eines deutschen Kaisers zur Apenninenburg Canossa. Einen ganzen Freitag lag das Schicksal der Regierung und des ganzen Landes in den Händen eines Gewerkschaftsführers; am Ende hatte der mächtige Miron Cozma ein Einsehen und ließ seine Bergarbeiter wieder heimreisen.

Mit dem Drama in den Karpaten hat sich, zum ersten Mal seit der samtenen Revolution, die Arbeiterklasse in einem Übergangsland zurückgemeldet. Auch wenn die Bergleute aus dem Schiltal wieder zu Hause sind, werden Rumäniens Arbeiter ein Machtfaktor bleiben. Schon Mitte Februar hat der größte Gewerkschaftsverband des Landes einen Generalstreik angekündigt. Offen ist nur, was die Gewerkschaften mit ihrer Macht anfangen werden.

Rumäniens Gewerkschafter, streik- und kampffreudig und damit stärker als in den Nachbarländern, teilten bisher das Dilemma ihrer osteuropäischen Kollegen: Kämpfen sie für unwirtschaftliche Arbeitsplätze, dann beschädigen sie die Volkswirtschaft; streiten sie dagegen im Interesse des Landes für Privatisierung und Umbau, bringen sie ihre Klientel in den großen Kombinaten gegen sich auf.

Während die Reformregierung zwei Jahre lang Vertrauen verspielte, hielten die Gewerkschaften noch still. Seit Hektik eingekehrt ist, begannen sie mit Streiks und Demonstrationen. Eine andere Wahl haben sie auch gar nicht mehr - so wie die Stimmung unter den Arbeitern ist: Überall schlossen sich Tausende dem Marsch der Bergleute an.

Am Demonstrieren werden sich die Rumänen kaum noch hindern lassen. Der Durchschnittslohn liegt bei 200 Mark, zwei Drittel leben unter der Armutsgrenze. Und wenn, wie es schon zum Jahresende geplant war, 30 Verlustbetriebe schließen, werden weitere 70000 Menschen arbeitslos sein. Selbst Staatsbetriebe, die noch arbeiten, können die Rentenbeiträge nicht mehr abführen, das heißt, auch viele Rentner verarmen noch weiter.

Die Kohlekumpel aus dem Schiltal, die mit ihrem Marsch auf Bukarest das Land an den Rand des Ausnahmezustands gebracht haben, fühlen sich noch immer als Avantgarde ihrer Klasse. 1929 ließ die liberale Regierung auf sie schießen, und 1977 zwangen sie selbst Ceau–escu zu erniedrigenden Verhandlungen. In die neue Zeit nach 1989 traten die Schiltaler mit altem Selbstbewußtsein, aber wenig Verständnis: In den ersten beiden Jahren reisten sie auf Betreiben von Staatspräsident Ion Iliescu mehrmals nach Bukarest, verprügelten dort Studenten und stürzten schließlich die reformorientierte Regierung unter Petre Roman. Inzwischen sind sie politisch weit nach rechts gedriftet. Ihr Anführer Cozma, ein eitler und machtversessener Mann mit kriminellen Neigungen, gehört zu der rechtsextremen Partei Romania mare (Großrumänien), die von dem Demagogen Corneliu Vadim Tudor geführt wird.

Dabei ist Miron Cozma mit seiner Confederatia Sindicatelor Miniere din Romania (CSMR) unter den mehr als 20000 Einzelgewerkschaften weitgehend isoliert; offene Solidarität kam nur von den Gold- und Kupferbergleuten aus der Gegend um Deva. Mit ihrem putschartigen Aufmarsch waren die Bergleute diesmal eher Nachhut als Avantgarde. Denn daß die unrentablen Energie- und Industrieriesen aus der Zeit des megalomanen Ceau–escu nicht zu halten sind, ahnen die meisten Arbeiter, auch wenn sie es nicht immer zugeben wollen. In den drei größten Gewerkschaftsverbänden wird deshalb neuerdings über Formen der Struktur- und Arbeitsmarktpolitik nachgedacht, anders als in den Parteien und in der Regierung, die nur atemlos den abgefahrenen Reformzügen hinterherrennen. Der Nationale Gewerkschaftsblock BNS, der drittgrößte Verband, diskutiert beispielsweise ein Konzept, nach dem die Arbeiter aus der übervölkerten Bergbauregion Schiltal in fünf siebenbürgischen Dörfern angesiedelt werden könnten, die nach der Auswanderung der Sachsen verfallen. Hintergrund: Die Eltern dieser Arbeiter kamen meistens aus der Landwirtschaft; Erfahrungen und Traditionen, an die man anknüpfen könnte, sind also vorhanden. Rumänien, einst "Kornkammer Europas", hat in der Landwirtschaft ein großes, aber schlecht genutztes Potential.