Ein klares Bild von der Regierung will sich einfach nicht einstellen. Jetzt ist sie bald 100 Tage im Amt. Glücklich die, die ihr ultimatives Urteil schon haben. Könnte es sein, daß es beim Undeutlichen dauerhaft bleibt, zumal der Kanzler sich ganz gerne von Stimmungen treiben läßt, auf Einflüsterungen hört, vor allem auf solche mit Macht? Erlaubt ist das alles, man muß es nicht einmal eilig abkanzeln als billigen Populismus.

"Ich versuch's einfach mal": Gerhard Schröders lockerer Satz ist einem fast schon zum Ohrwurm geworden. Versucht hat er es auch mit dem Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung des Atommülls innerhalb eines Jahres, im Einvernehmen mit Jürgen Trittin - und augenblicklich wieder bleibenlassen. Man kennt das schon: vor und zurück, trial and error.

Die Zigarre ist auf Betrieb geschaltet. Tony Blair war gerade am Telefon. Es ging um eine Intervention im Kosovo, auch mit Bodentruppen, mitsamt den Europäern, einschließlich der Deutschen. Solche Riesenfragen sind jetzt Schröders Alltag. Seine eigene Bilanz fällt naturgemäß nicht unzufrieden aus. Die Kritiker wiederum, die nach dem Atomausstiegschaos jetzt wieder lauter werden, nehme er nicht gar so ernst, behauptet der Kanzler.

Der Anfang hört einfach nicht auf. 1990 hat Schröder noch gegen den Golfkrieg protestiert, erinnert er sich, jetzt nimmt er Militärparaden ab. Oder er hat darüber zu entscheiden, ob deutsche Soldaten dazugehören, wenn Bodentruppen in den Kosovo geschickt würden. Übrigens: Vor zehn Tagen erklärte er öffentlich, er sei dafür, jetzt zuckt er zurück. Man kennt das. Schröder sagt nicht, er betrachte sich selber in diesem Amt noch "verwundert". Nein, das ist nicht das Wort. Aber er findet auch kein anderes für das, was er meint.

Vielleicht ist es einfach so: Angekommen hinter dem Zaun, an dem er einstmals gerüttelt hat, erblickt der Realo Schröder erst jetzt die Realitäten. So etwas soll es geben. Möglich, daß man sich nach so langen Oppositionsjahren nicht wirklich vorstellen konnte, was "regieren" heißt; so, wie man unmerklich verlernte, in Alternativen zu denken. Die Anfangsschwierigkeiten erklären sich nicht zuletzt daraus. Der Respekt, den Schröder seinem Vorgänger bekundete, war deshalb keine Masche, er hatte einen authentischen Kern. Auch die Opposition war im System Kohl aufgegangen.

Die Folge: Noch keine Regierung hat so sehr von vorne angefangen. Schröder sammelt Erfahrungen. Er begleitet das mit dem Satz, der nach Realismus pur klingt: "Man muß für möglich halten, daß es nicht nur am Unwillen der anderen liegt, wenn Dinge scheitern, sondern auch an eigenen Fehleinschätzungen und Fehlern." Was bei ihm in jedem Fall dominiert, ist sein Interesse am Konsens. An diesem deutschen System will Schröder nicht rütteln. Ganz im Gegenteil, allmählich gewinnt man den Eindruck, er suche nach dem Konsens einer Großen Koalition, den die rot-grüne Koalition ächzend exekutiert.

Die erste Lehre: Auf große Worte verzichten