Einer verbreiteten Meinung zufolge leben wir in einer Gesellschaft der Verdrängung und des Wegschauens, was die unangenehmen Aspekte der körperlichen Existenz angeht: Krankheit, Alter und Tod werden zunehmend aus dem Alltag ausgegrenzt, während eine von ihren neuen Möglichkeiten berauschte Wissenschaft im Zeichen von plastischer Chirurgie, Gentechnik und Klonierung die totale Herrschaft über den Leib anstrebt. Bald wird es keine körperlichen Grenzerfahrungen mehr geben, keinen Verfall, keinen Schmerz und auch kein ererbtes Schicksal.

So weit die Theorie. Sie hat unterdessen den Rang eines kritischen Gemeinplatzes errungen, der durch widerstrebende Beobachtungen kaum mehr irritiert werden kann. Versuchen wir es trotzdem: Ist es nicht bemerkenswert, daß es von immer mehr Männern als eine Art Ehrensache empfunden wird, bei der Geburt ihrer Kinder anwesend zu sein? Das Gebot, hier dabeizusein und hinzuschauen, steht eigenartig quer zur These von der Wegschaugesellschaft, die den Körper nur in Situationen der Souveränität zur Kenntnis nehmen will. Es handelt sich bei einer Geburt ja zweifellos um eine Grenzerfahrung, selbst wenn alles nach Plan läuft.

Die Probe besteht aber gerade nicht darin, irgendwelche bewährten Indianereigenschaften unter Beweis zu stellen. Du mußt vielmehr ertragen, daß jene männlichen Qualitäten, die du so entbehrungsreich erworben hast - tapferes Ertragen von Schmerzen mit zusammengebissenen Zähnen, zupackende Tüchtigkeit, technischer Durchblick -, hier zwar gefragt sind, nur eben nicht von dir. Du sollst einfach dasein, einigermaßen die Nerven behalten und womöglich ein paar beruhigende Worte sagen - dies alles bei vollem Bewußtsein deiner völligen Machtlosigkeit im Ernstfall. Dann werden sie dich rausschicken.

Das alles läßt sich eine Weile aushalten, und auch der Anblick der hierbei unvermeidlicherweise austretenden Körpersäfte ist zu ertragen. (Man stellt sich das ohnehin viel zu dramatisch vor.) Es ist womöglich etwas ganz anderes, das dir schließlich doch noch fast den Magen umdreht. Und das hängt mit der Natur der Sache zusammen: Eine Geburt ist, gerade wenn sie gut läuft, keine willensgesteuerte Handlung, sondern ein rätselhaftes Geschehen, das in der entscheidenden Phase plötzlich wie von selber läuft. Nicht nur du stehst hier nicht im Mittelpunkt, auch deine Frau wird nun von einer Art innerem Autopiloten ferngesteuert. (Und das ist auch besser so, bei der Wut, die sie jetzt hat, und bei diesen Schmerzen. Die Alien- Filme geben einen besseren Eindruck davon als die einschlägige Ratgeberliteratur mit ihrem Mythos von der sanften Geburt.) Man kann sich das alles immer wieder erklären - aber unheimlich bleibt es darum doch, und kein Wissen kommt dagegen an. Dabeisein ist alles.