Es gehört zum Wesen menschlicher Existenz, daß ihre wesentlichen Fragen letztlich rätselhaft bleiben. Wozu leben wir, weshalb sterben wir? Zweifelsfreie Antworten von allgemeiner Verbindlichkeit sind nicht zu erwarten. Aber trotzdem muß über Lebens- und Sterbensfragen immer wieder entschieden werden - und selbst die Verweigerung einer Entscheidung, die Flucht also vor ihr, führt zu einem faktischen Ergebnis. Das Ergebnis solcher Entscheidungen wird immer eindeutiger sein als ihre Begründung. Die Entscheidung über Lebensfragen heißt also: mit dem Zweifel leben, den Zweifel akzeptieren, ihn nicht mit Scheinbegründungen abtöten zu wollen. Wo würde dieser unausweichliche Sachverhalt deutlicher als am Beispiel der neuen Richtlinien für die Sterbebegleitung, die kürzlich von der Bundesärztekammer vorgelegt wurden? Und wie sehr das eigene Verhalten in solchen Grenzsituationen von Letztbegründungen menschlichen Lebens abhängt, erkennt man auch daran: Die beiden Volkskirchen werden in den nächsten Wochen versuchen, den Text einer gemeinsam zu verantwortenden "Patientenverfügung" vorzulegen.

Die Stärke der neuen Ärzte-Richtlinien liegt eben gerade darin, daß sie sich auf den Zweifel einlassen. Oder genauer formuliert: Daß sie eine plausible Unterscheidung zu treffen versuchen zwischen dem, was eindeutig bleiben muß, und jenem Bereich, in dem der Zweifel - und die Verzweiflung - ihren legitimen Platz haben.

Zur Pflicht des Arztes gehört es auch, Sterbenden zu helfen

Die gewichtigste Verschiebung findet zwischen den Richtlinien von 1993 und 1998 statt: In den jüngsten Richtlinien taucht erstmals der Begriff "Selbstbestimmungsrecht des Patienten" auf. Der autonomen technisch-wissenschaftlichen Entwicklung der Medizin wird also die Autonomie des Patienten zur Seite gestellt. Eine weitere Verschiebung betrifft die Pflicht des Arztes, Leben zu erhalten. Schon nach den Richtlinien von 1993 war diese nicht die einzige der ärztlichen Pflichten, sondern es hieß vielmehr: "Zu den Pflichten des Arztes, das Leben zu erhalten, die Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen sowie Leiden zu lindern, gehört auch, dem Sterbenden bis zu seinem Tode zu helfen. Die Hilfe besteht in Behandlung, Beistand und Pflege. Ihr Ziel ist es, dem Sterbenden so beizustehen, daß er in Würde zu sterben vermag." Hier werden also gewissermaßen absolute Pflichten formuliert, die sich allenfalls untereinander relativieren: Wenn aber ein fortgesetzter Versuch, das Leben unter allen Umständen zu erhalten, ein Sterben in Würde unmöglich macht, wäre dieser Versuch abzubrechen.

Die neuen Richtlinien machen gewissermaßen den Versuch, die Pflicht zur Lebenserhaltung immanent zu begrenzen: "Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht jedoch nicht unter allen Umständen. Es gibt Situationen, in denen sonst angemessene Diagnostik und Therapieverfahren nicht mehr indiziert sind, sondern Begrenzung geboten sein kann. Dann tritt palliativ-medizinische Versorgung in den Vordergrund. Die Entscheidung hierzu darf nicht von wirtschaftlichen Erwägungen abhängig gemacht werden." Mit anderen Worten: Der Zweifel am Sinn der Lebenserhaltung wird in Grenzsituationen offen zugelassen.

Die praktische Konsequenz dieses Zweifels: Der Paradigmenwechsel zwischen einer auf Gesundung gerichteten "medizinischen Behandlung" und einer das Sterben begleitenden "Basisbetreuung" wird ebenso offen formuliert. Zu dieser Basisbetreuung gehören unter anderem: "Menschenwürdige Unterbringung, Zuwendung, Körperpflege, Lindern von Schmerzen, Atemnot und Übelkeit sowie Stillen von Hunger und Durst."

Die Grenzsituationen, in denen sich solche Fragen stellen, sind freilich zu vielfältig, als daß sie sich alle in Kürze ausbreiten ließen. Dabei wären jedenfalls zu unterscheiden: das Sterben selber; das Leiden an einer unheilbaren Krankheit, ohne daß das Sterben unmittelbar bevorstünde; das Leiden Neugeborener an schwersten Fehlbildungen und an heillosen Stoffwechselstörungen; das Leiden an schwersten Schädigungen des Gehirns. Eindeutig bleibt bei alledem eine Grenze: Keine gezielte Lebensverkürzung, keine Beihilfe zur Selbsttötung!