Im Mai 1997 veranstaltete die Stern School of Business der New York University eine große Tagung zum Thema Management of Cultural Industries. Die Veranstalter waren erstaunt zu hören, daß es da einen Philosophen namens Adorno gegeben habe, der den Begriff "Kulturindustrie" in einer bedeutenden Abhandlung, 1946 veröffentlicht, bereits entwickelt habe. Ihnen war selbstverständlich, daß es Industrien (im Plural) gibt, die Kulturwaren erzeugen und dafür ein professionelles Management brauchen. Daß an Warenförmigkeit in diesem wie in anderen Bereichen etwas Kurioses oder gar der Sache Abträgliches sein könnte, kam ihnen gar nicht in den Sinn.

Adornos Diagnose der Warenförmigkeit von Kultur ist gut gealtert - sie ist über die Jahrzehnte immer richtiger geworden. Ein kultureller Ort außerhalb dieser Warenform existiert nicht. Auch die Einzelanfertigungen und Sonderveranstaltungen, die Kunst oder gar Hochkultur heißen, sind nur eine besondere Form von kulturindustrieller Produktion - sie entsprechen den etwas teureren Luxusklamotten im Bereich der Bekleidungsindustrie. Zugenommen hat, beginnend mit dem Ausbruch von Dada und Surrealismus, die Reflexivität bei Produzenten wie Konsumenten - das Wissen um die Mechanismen der Kulturindustrie ist Teil und zunehmend Inhalt derselben geworden.

Einer anderen Fraktion von Intellektuellen - nennen wir sie die Fortschrittsfreunde - ist die schöne Welt der Kulturwaren nichts weiter als eine vorbildhafte und zukunftsweisende Produktionsform, die immer weiter um sich greifen wird: die Produktionsweise der Informations-, Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, an der sich gut verdienen läßt und von der die Umwelt deutlich weniger geschädigt wird als von Automobilen und Joghurtbechern. (Scott Lash, der angloamerikanische Kultursoziologe und Mitherausgeber Ulrich Becks, ist ein gutes Beispiel für diesen Zugang zu einer "Zweiten Moderne", die verzweifelt auf mehr Arbeitsplätze durch die schönen, guten Waren hofft.) Darauf aufbauend, sehen einige begeistert in der jeweils neuesten Elektroniktechnologie (so neuerdings im Internet) die Möglichkeiten von umfassender Kommunikation und damit wahrer Demokratie, ohne Wissensvorsprünge und Zensurmöglichkeiten, auch wenn bei genauem Hinsehen nur eine Kultur von universalisiertem und unkontrollierbarem Tratsch entsteht, Global Village im bedrohlichsten Sinn.

Die Bußprediger ihrerseits sind eine gut entwickelte Fraktion an Medienintellektuellen, von denen über den Niedergang von Kultur durch ihre Industrialisierung gezetert oder mindestens geklagt wird. Sie bilden ein breites Genre von der Marktprominenz eines Neil Postman bis zu obskuren Referenten in evangelischen Akademien und anderen Volkshochschulen. Was sie nicht merken: Die Freude am Niedergang von Bildung und Kultur gehört selbst zu den glitzernden Kulturwaren mit eingebautem Verfallsdatum und ewiger Wiederholbarkeit.

Beiden gemeinsam - und überhaupt in der erweiterten Kulturindustrie endemisch - sind die Möglichkeit zur Selbstdarstellung und der Drang zu ihr, sei es mit obsessiven Ideen zur Errettung der Welt, sei es mit bescheidenen sexuellen Abweichungen, sei es mit guten Ratschlägen zur Gestaltung der globalen Ökonomie oder - lebensnäher - zur Bewältigung des Dauerproblems der Akne in der Pubertät, sei es mit akrobatischen künstlerischen Hervorbringungen, sei es mit der Bereitschaft, ausländisch aussehende Menschen durch die Straßen zu hetzen, sei es mit wichtigen Durchsagen aus der professionellen Politik oder der wirtschaftlichen Firmenanpreisung, Public Relations oder Werbung genannt. Kulturindustrie ist Vergesellschaftungsprinzip, nicht nur, aber besonders für die Intellektuellen, die in und von ihr leben. Die richtige Balance von Skandal und Angepaßtheit ist Bedingung fürs Gehörtwerden.

Die bunte Welt der Medien liefert uns ihre Selbstkritik gleich mit. Daß uns die Illusionsmaschine mit kaum mehr überbietbarem Aufwand etwas anzudrehen versucht, ist kein infames Betriebsgeheimnis, sondern selbst Gegenstand der Darstellung und der Unterhaltung. Politikberatung und Werbung ebenso wie Hollywood und überhaupt die meschuggene Welt der celebrities sind gern in Roman und Film gezeigte Milieus, über die wir so von der Kulturindustrie selbst umfassend aufgeklärt werden. Daß das Leben eine dürftige Imitation der Kunst ist, wußte schon Oscar Wilde.

Die Welt besteht nicht aus Geheimnissen, nichts wird uns vorenthalten, vielmehr wird uns von allen Seiten Aufklärung angeboten, die wir gar nicht brauchen und auch nicht haben wollen. Die Selbstdarstellungen drängen und überschlagen sich. Jede und jeder darf einmal (kurz) in den Scheinwerferkegel treten und für sich werben, so wie es die Firmen für teures Geld auch tun, und damit den Rummel in Gang halten. Insofern entsteht Reflexivität auf allen Seiten - in den künstlerischen Aktionen, indem wir dort geschockt, düpiert, auch gelangweilt und allein gelassen werden und so über unsere Erwartungen und unsere Publikumsrolle nachforschen müssen; in den populären Unterhaltungen, indem uns dauernd mitgeteilt wird, wie es gemacht wurde und daß das alles nur zu unserer Unterhaltung geschieht. Daß wir dabei zugleich direkt oder in unseren Vertretern auf der Bühne dem Saal- und Studiopublikum vorgeführt und verspottet werden, kann der Reflexivität nur zuträglich sein.