An einem Frühlingstag des Jahres 1894, es war der 12. Mai, versammelten sich in Berlin am Brandenburger Tor zwölf Sportler, deren Ziel es war, in möglichst kurzer Zeit den 270 Kilometer entfernten Sachsenwald zu erreichen: Dort, in Friedrichsruh, wollten sie - in der Form einer sportiven Huldigung - Fürst Bismarck ihre Aufwartung machen.

Die Strecke war ausgemessen, das Reglement exakt festgelegt. Statt des Laufens wurde Gehschritt verordnet: Ruhepause zwischen 22 Uhr abends und 4 Uhr früh. Es steht zu erwarten, daß die Athleten sich im voraus über das Ritual, das ihnen im Garten des Kanzlers bevorstand, mit gebotener Sorgfalt verständigt hatten. Bismarck liebte Huldigungen, doch mußten sie so knapp wie möglich sein; in die Länge gezogene Vivats waren nicht nach seinem Geschmack. Die Mitarbeiter waren angehalten, auf korrekte Ordnung zu achten: Keine Improvisation, bitte sehr!

Kein Zweifel, daß auch die Geher, die schließlich nicht vor verschlossener Tür ankommen wollten, das Protokoll der fürstlichen Behörde zumindest in Umrissen kannten; man wird korrespondiert und sich Gedanken über das Huldigungszeremoniell gemacht haben: Zwölf Leichtathleten - angetreten, um in Reih und Glied dem Kanzler Reverenz zu erweisen.

Und was geschah? Höchst Verwunderliches! Die Herren hatten offenbar nicht die geringste Lust, sich einem strikten Reglement unterzuordnen. Von den Zwölfen, die am 12. Mai losmarschiert waren, erreichte nur die Hälfte das Ziel - und diese sechs nicht etwa, wie es turnerischer Ordnung entsprochen hätte, auf den letzten Metern in zackigem Gleichschritt, sondern einer nach dem anderen: legere Leichtathleten eben, keine strammen Barrenbenutzer. Und so kam dann als erster Läufer ein Mann namens Fritz Maag nach 58 Stunden und 53 Minuten in Friedrichsruh an, gefolgt von den Herren Sebastian und Peitz, die sich jeweils 2 Minuten später einfanden.

Wann der Letzte das Schloß erreichte, ist nicht bekannt; Bismarck wird lange gewartet haben, ehe der Leichtathlet Gelegenheit hatte, sein Läufer-Hurra zu artikulieren. Aber, wer weiß, vielleicht war er Sportsmann genug, um die Kuriosität der Szene (wenn sie denn wirklich stattgefunden hat) zu würdigen. An Sinn für Komik fehlte es ihm bekanntlich nicht.

Zu Fuß von Berlin nach Hamburg. Warum? Zum Spaß!

Man stelle sich vor (darum habe ich die Geschichte von den Zwölfen an den Anfang meiner Überlegung gestellt): Da gehen Männer von Berlin nach Hamburg, nehmen Strapazen auf sich, kommen durch oder geben auf, haben bei alldem Spaß an solchem Tun - sie seien darum als Vorbilder gepriesen. Maag, Sebastian, Peitz e tutti quanti: gepriesen, wie die vielen Einzelgänger, zumal aus der Pionierzeit der Leichtathletik, gepriesen wie jener geniale Sonderling: Otto Peltzer, der Inbegriff eines homo pro se, will heißen einer unverwechselbaren Persönlichkeit - Weltbürger und Patriot, verläßlich und eigenwillig (diese ewigen Fehlstarts, oft mit noch nicht einmal geschnürten Spikes), kritikfreudig und nonchalant, ein laufbesessener Pädagoge, den Funktionären, und den Behörden erst recht, wegen seiner, sagen wir's behutsam, hellenischen Neigungen suspekt. Otto Peltzer, den man den "Seltsamen" nannte, weil er sich nicht anpassen wollte, sondern nur ein einziges Ziel hatte: laufen zu können, und deshalb Trainingsmethoden erfand, die noch in der Nachkriegszeit ihre Gültigkeit hatten.