Essen

Nach Jahren der Verstimmung zeichnet sich im deutsch-türkischen Verhältnis eine Besserung ab. Dazu kann auch die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts beitragen. Sollte das neue Gesetz bald in Kraft treten, könnten etwa 1,45 Millionen Türken die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten. Damit würde die Zahl sogenannter "neuer Deutscher" türkischer Herkunft auf über 1,7 Millionen steigen.

Unter der deutschen EU-Präsidentschaft hat die Türkei auf jeden Fall bessere Möglichkeiten, doch noch zum zwölften Beitrittskandidaten ernannt zu werden. Die Annäherung an die EU kann nicht gegen den Willen der Bundesregierung zustande kommen. Dies muß auch türkischen Politikern bewußt sein. Viele wirtschaftliche Faktoren wie zum Beispiel der bilaterale Handel, aber auch die jährlichen Touristenzahlen in der Türkei verdeutlichen die engen Beziehungen zwischen den beiden Ländern; 25 Prozent der Touristen kommen aus Deutschland. Deutschland ist der wichtigste türkische Handelspartner. Circa 20 Prozent der Exporte und circa 16 Prozent der Importe der Türkei wurden 1997 mit Deutschland abgewickelt.

Der stärkste Beleg für die Interessenverflechtung der beiden Staaten sind die 2,1 Millionen in Deutschland lebenden Türken. Nach rechtsradikalen Angriffen wie in Mölln und Solingen hat sich die türkische Volksgruppe zunehmend von der deutschen Gesellschaft distanziert. Immer mehr Türken zogen sich in landsmannschaftliche Gruppen zurück, die sie in Moscheevereinen, in Sportclubs und in Diskotheken fanden. Das neue Staatsbürgerschaftsrecht sollte die türkischen Mitbürger nun dazu bringen, Integrationsbereitschaft und Loyalität gegenüber ihrem neuen Heimatland zu demonstrieren.

Deutschland hat den hier lebenden Migranten ein faires Angebot gemacht. Nun muß die Türkei gegenüber der Europäischen Union und der Bundesregierung ihre Anerkennung beweisen, indem sie die Lösung ihrer innenpolitischen Probleme forciert.

· Faruk S¸en ist Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen.