Es war längst an der Zeit, daß man ihn offiziell ernennt. 100 Tage nach der Wahl darf Michael Naumann den unmöglichen Interimstitel "Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien" ablegen und sich Staatsminister nennen. Spätestens seit er seinen spektakulären Coup in Sachen Holocaust-Mahnmal landen konnte, paßte der alte Titel nicht mehr: Man mag von seinem Vorschlag halten, was man will - hier ist jedenfalls ersichtlich kein Erlediger von Aufträgen am Werk. Während seine Kritiker ihn noch in geheimer Mission wähnten, den Eisenman-Entwurf zu verhindern, hatte Naumann sich hinter den Kulissen bereits mit jenem verständigt. Er verteidigt den neuen Vorschlag nun mit der gleichen Verve, die früher seine grundsätzlichen Attacken gegen das Projekt auszeichnete.

Ist das inkonsequent? Aber ja doch! Naumann nennt seine Wende vom Gegner zum Befürworter des Denkmals, vom Polemiker zum Moderator in der Debatte einen "Lernprozeß". Man muß ihm zugestehen: Das hat schon eine gewisse Größe. Er hat immer wieder seine Reserve gegenüber Politikern mit "Visionen" betont: "Es besteht dann nämlich die Gefahr, daß deren Visionen auch umgesetzt werden." Eine angenehm pragmatische Position - ob der Staatsminister sich auch mit ihr bescheiden wird? Er ist nämlich selbst sehr wohl ein Mann mit Visionen, wie seine ersten hundert Tage gezeigt haben - sie waren ja geradezu ein Feuerwerk von Einfällen. Einige Blindgänger eingeschlossen.

Was hat er bisher erreicht? Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist, wie versprochen, schnell mit einer neuen Leitung versehen worden. Alle anderen Initiativen und Projekte sind gewissermaßen noch im Schwebezustand: Es ist noch nicht heraus, ob er wirklich etwas gegen den von Brüssel erwünschten Fall der Buchpreisbindung ausrichten kann. Und wird er verhindern können, daß der Buchbranche die steuergünstige Teilwertabschreibung verboten wird, wie es der Finanzminister wünscht?

Man hat es ihm nicht leichtgemacht: Seine Beamten dürfen - entgegen seinem Wunsch - in Bonn bleiben, das Goethe-Institut konnte sich seiner Einflußnahme vorerst entziehen. Die Kritik in den Feuilletons hat den Exjournalisten zwischenzeitlich so hart angefaßt, wie man es eben mit einem abgehärteten Kollegen tut. Naumann hat es seinen Kritikern heimgezahlt: Sie mußten sich seine Denkmal-Pläne zunächst aus der New York Times zusammenreimen. Jetzt wallt allenthalben böses Blut. Darüber könnte man fast die eine große Sache vergessen, die Naumann sich jetzt schon ganz unbestritten als Verdienst zuschreiben darf: Kulturpolitik, bislang eine arkane Angelegenheit, ist hierzulande endlich eine Sache des leidenschaftlichen öffentlichen Streits geworden.