Um die Jahreswende 1926/27 saß ein knapp 40jähriger Journalist 65 Vormittage lang in seinem Büro und diktierte einen Roman; der wurde unter dem Titel Alle gegen Einen vom 12. Juni bis zum 16. September 1927 in 82 Fortsetzungen in der Frankfurter Zeitung abgedruckt. Ein Sensationserfolg hatte das Licht der Welt erblickt: Kaum war Arnold Zweigs Roman, nun unter dem Titel Der Streit um den Sergeanten Grischa, im Oktober 1927 erschienen, waren 300 000 Exemplare verkauft, viele Übersetzungen folgten.

Kurt Tucholsky, zeitlebens ein Verehrer des Romanciers, konnte sich nicht genug verwundern, wie man derlei - er selber brauche oft mehr Zeit für seine "kleinen Sachen" - in zwei Monaten herunterdiktieren konnte; während Bertolt Brecht die "Gerechtigkeitsliebe" schauderte und die "Zertrümmerung des bourgeoisen Staatsapparates" vermißte; Brecht schloß seine Kritik mit dem Satz: "Das Buch ist deshalb abzulehnen."

Das hinderte Zweig nicht, Brechts Genie wahrzunehmen - er schrieb ihm im ersten Exiljahr 1934 aus Sanary-sur-Mer aus dem Haus des gemeinsamen Freundes Lion Feuchtwanger: "Sie sind der wichtigste Mann, der nach dem Kriege angefangen hat, zu schreiben. Ihr Tonfall, und was Sie in ihm vorbringen, ist so unersetzlich wie der Georg Büchners." Da hatte Arnold Zweig gerade den Roman Erziehung vor Verdun abgeschlossen, dessen Eingang - "Nice, 7. Oktober 1935" - ihm Heinrich Mann bestätigte: "Ihr Kampf um das Recht läßt in diesem Roman nichts zu wünschen übrig. So soll er sein und soll zur Bestrafung führen."

Der Schriftsteller, von dem sein Biograph Wilhelm von Sternburg sagt: "Arnold Zweig war das, was in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts in Deutschland in der Regel lebensbedrohende Folgen nach sich zog: Er war Jude und wurde Sozialist", hatte schon eine lange, schwierige Wegstrecke hinter sich.

Der 1887 im schlesischen Glogau Geborene hatte sich früh von seiner kleinbürgerlichen Familie wie von den Bindungen zur orthodoxen jüdischen Religiosität gelöst. Sieben Jahre Studium von Germanistik und Philosophie, Psychologie und Kunstgeschichte an wechselnden Universitäten wie Breslau, München, Berlin oder Göttingen waren vor allem geistige Ortsuche eines jungen Intellektuellen, dessen sozialen Humus sein späteres Idol Gustav Landauer charakterisierte: "Ihrer Familie sind sie entwachsen, es gibt kein soziales Gefüge, dem sie angehören, keinen Glauben, der mächtig und wonnevoll über ihnen zusammenschlägt, kein Volk, dem sie sich als Glieder, als Führer fühlen, und kein Ziel und keine Zukunft, wonach es sie treibt."

Das stimmte, und stimmte nicht; denn spätestens von 1912 an - da waren die Novellen um Claudia erschienen - lebte Arnold Zweig in dem, was Gershom Scholem einmal "die Bubertät" genannt hat: Er hatte im Gedankengebäude Martin Bubers, das er als Synthese einer kulturrevolutionären und zugleich traditionsreichen jüdischen Geistigkeit begriff, seine geistige Heimat gefunden. Seine Aufsätze der nächsten Jahre - Die Demokratie und die Seele des Juden oder Zum Problem des jüdischen Schriftstellers in Deutschland - geben davon Zeugnis; mit dem als "jüdische Tragödie" klassifizierten Drama Ritualmord in Ungarn gewann er 1915 den Kleistpreis.

Die als Band 3.2 der vom Aufbau-Verlag veranstalteten, hochverdienstvollen Gesamtausgabe von Arnold Zweigs Werken erschienene Bilanz der deutschen Judenheit 1933 - Ein Versuch kann als Summe dieser intellektuellen Erfahrung gewertet werden. Es wäre einen eigenen Essay wert, ihn durch eine Gegenüberstellung mit Jakob Wassermanns tief berührend-bitterem Aufschrei Mein Weg als Deutscher und Jude zu analysieren; Zweigs vorletztes Kapitel, Die moralischen Leiden der deutschen Juden, erinnert durchaus daran, wie auch der letzte Satz des Buches mit der Hoffnungschiffre, "daß auf dem Planeten Erde etwas so Seltsames entstand wie ihre graue Hirnrinde, das Menschengeschlecht, Träger der Vernunft", den Zweifel nicht ganz unterdrückt. Doch Zweigs Credo an eine mögliche Summe aus Sozialismus und Zionismus waren allerlei ungute Umwege vorausgegangen.