Die Stadt Wolfsburg muß sich wieder einmal umstellen. Bei Beginn und Ende der Schichten im Volkswagen-Werk dürften die Busse bald so voll sein wie vor fünf Jahren. Die Ampeln der Zufahrtsstraßen werden demnächst wohl wie damals bei Schichtwechsel länger grün bleiben, und die Tunnel-Schänke kann hoffen, nach getaner Arbeit wieder zum Treffpunkt der VW-Werker zu werden. Der Grund: Vom 8. Februar an kehren 21 000 Beschäftigte in der Fertigung zum Dreischichtensystem zurück.

Umstellen müssen sich auch die Mitarbeiter. Mit viel Mühe und gravierenden Folgen für ihren Alltag hatten sie sich auf die enorme Flexibilität eingestellt, die ihnen seit 1994 mit der vielgelobten Einführung der 28,8-Stunden-Woche abverlangt wurde. Immerhin gab es bisher über 150 verschiedene Arbeitszeitmodelle in den sechs inländischen VW-Werken. Ganz so ideal, wie häufig behauptet, scheint die "atmende Fabrik" aber doch nicht gewesen zu sein. Denn nun geht es für rund 20 Prozent der Beschäftigten in Deutschland zurück zum alten Trott. Sie arbeiten in diesem Jahr 40 Stunden pro Woche, abwechselnd morgens, nachmittags und nachts von Montag bis Freitag. Doch eine schlichte Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ist das beileibe nicht. Grundlage bleibt weiterhin die 28,8-Stunden-Woche, die individuelle Arbeitszeit beträgt wie schon im vergangenen Jahr im Durchschnitt 36 Stunden. Die Konsequenz: Auf neun Wochen Schichtdienst folgt eine freie Woche.

Der Betriebsrat freut sich über das Ende der "Verwirbelungen". Teamarbeit werde wieder größer geschrieben, Familien könnten ihre Tage und Wochen nun wieder gemeinsam planen, Kollegen zusammen zur Arbeit fahren und Freunde den regelmäßigen Skatabend aufleben lassen. Außerdem fällt die Samstagsarbeit flach, die es in den vergangenen zwei Jahren fast regelmäßig gegeben hat.

VW wollte die Rückkehr zum Dreischichtenrhythmus, so Unternehmenssprecher Hans-Peter Blechinger, um die Maschinen wieder rund um die Uhr laufen lassen zu können. In diesem Jahr soll die Produktion der verschiedenen Modelle von Golf, Bora und Lupo in Wolfsburg von 641 000 auf 730 000 Autos gesteigert werden. Dafür reichte die bisher praktizierte Flexibilität nicht. Nachtschichten wurden nur von maximal 5000 Mitarbeitern gefahren, und die Samstagszuschläge sind teuer. Außerdem, so Blechinger, seien mit stabilen Mannschaften weitere Verbesserungen von Qualität und Produktivität möglich. Information und Kommunikation zwischen Karosseriebau, Lackiererei und Montagen, aber auch zu Zulieferern und Dienstleistungsbereichen würden erleichtert. Und wenn im nächsten Jahr die Produktion niedriger sein sollte, habe die Werksleitung noch genügend Spielraum. Der Freitag könne verkürzt oder ganz abgebaut werden, oder man habe die Möglichkeit, zum Siebenstundentag zurückzukehren.

"Vernünftige Strukturen", erklärt Wolfgang Schulz, der Zweite Bevollmächtigte der IG-Metall-Verwaltungsstelle in Wolfsburg, brauche VW nun einmal, um sich den Anforderungen des Marktes anpassen und dennoch die Mitarbeiter halten zu können. Für ihn ist die neue Regelung denn auch nichts anders als "ein weiterer Baustein im Gesamtsystem".

Kerstin Jürgens, Mitautorin der Studie Zwischen Volks- und Kinderwagen, in der die Folgen der flexiblen Arbeitszeiten auf die Familien untersucht wurden, sieht positive und negative Aspekte in der Rückkehr zum Dreischichtenmodell. Natürlich ließen sich Arbeits- und Freizeiten künftig wieder besser synchronisieren. Andererseits entstünde durch die Nachtschicht für viele neue Probleme. Denn klar ist: Auch wenn die Zuschläge gern kassiert werden, Familien mit Kindern und besonders Frauen fühlen sich durch Nachtarbeit stärker belastet. Kleiner Trost: In jeder Schicht sollen die Bänder wieder für 20 Minuten stillstehen. Da kann man bei einer Tasse Kaffee klönen - wie in alten Zeiten.

Die Wolfsburger VW-Familie, insgesamt immerhin fast 50 000 Menschen, hält zwar an ihrer "atmenden Fabrik" fest. Aber weit mehr als bisher bleiben im Takt.