Johannes Rau hat sich gemeldet. Plötzlich war er da und sagte etwas. Wer dauerhaft in Deutschland lebe, erklärte er in Bonn, der sei "kein Gast, der ist Bürger oder Bürgerin unseres Landes". Daher unterstütze er die rotgrüne Neuregelung des Staatsangehörigkeitsrechts.

Warum sagt er das? Warum jetzt? Hatte der Kandidat, der lieber versöhnt als spaltet, seine Anhänger nicht längst daran gewöhnt, daß er erst wieder über Politik sprechen wird, wenn er es geschafft hat? Wenn er Bundespräsident ist?

Johannes Rau ist aus der Deckung getreten. Wenn nicht alles täuscht, hat ihn Dagmar Schipanski herausgelockt, womit sie schon mehr erreicht hätte, als viele ihr zutrauten. Die Präsidentschaftskandidatin der Union mußte nur einmal mißverständlich zum Thema Doppelpaß reden - schon schlug Rau zu.

Soll die Partei schmunzeln über die fremde Rivalin - er nimmt sie ernst. Vielleicht sah er ihren Auftritt, am Montag in der Bundespressekonferenz: Wie sie seelenruhig die gemeinsten Fragen der Journalisten parierte, wie sie den unsichtbaren Fallen auswich, als sei sie seit Jahrzehnten im politischen Geschäft, wie sie am Ende sogar den Mut aufbrachte, einer Journalistin zu antworten: "Da haben Sie recht. Das werde ich noch einmal überdenken."

Sich selbst überdenken. Was für eine Frau! mag Rau sich gedacht haben. Wer weiß, wozu die noch fähig ist?

Was geschieht eigentlich, wenn Dagmar Schipanski, wider Erwarten, durchstartet!? Wenn sie, als "Signal der Einheit" (Wolfgang Schäuble), im zehnten Jahr nach der Vereinigung langsam die Herzen der Ostdeutschen gewinnt, erst bei den Grünen, dann bei der SPD, wenn sie schließlich die FDP auf ihre Seite bringt und dann auch noch den - wahlentscheidenden - Rest der Bundesversammlung? Die PDS zwinkert schon: Der Parteivorstand, sagte ein Sprecher, habe "Bruder Johannes definitiv nicht zur Wahl empfohlen". Dagmar Schipanski hingegen sei eine "durchaus interessante Persönlichkeit".

Das wäre eine Berliner Republik - mit einem parteilosen Staatsoberhaupt, das, gestützt auf ein Bündnis von Konservativen, ostdeutschen Sozialdemokraten und Postkommunisten, das Land für die Wissensgesellschaft öffnet. Das ist zuviel. Von jetzt an kämpft Johannes Rau um mehr als für sich.