Bohsdorf

Vor 80 Jahren schickten die Bossdomer "päpperne Täubchen" aus ihrem Dorf in die Welt. Und mit jeder Postkarte ein Bild der "Brod- und Weissbäckerei, auch Colonialwarenhandlung" von Heinrich Strittmatter. Dort weckte Geschäftsfrau Lenchen, die eigentlich Seiltänzerin werden wollte, neue Bedürfnisse unter ihren Kunden - ein Gruß aus Bossdom: "Zum Donnerwetter! Das sollte sich doch machen lassen".

Vom literarischen Bossdom Erwin Strittmatters aber ist nur noch Bohsdorf geblieben, nahe Spremberg und der polnischen Grenze. Seitdem keiner mehr Romane schreibt über das harte Leben in der Lausitzer Heide, keiner mehr Filme dreht, passiert wenig, was für mehr als eine Kurzgeschichte taugen könnte. Nur der Ortschronist Klaus-Peter Nikolaus bewahrt und sammelt alles, was über ein 600-Seelen-Dorf zu berichten wäre. Viele Fragen suchen nach Antwort, was mit Bossdom, also Bohsdorf, und seinen Bewohnern passierte, nachdem Erwin Strittmatter den dritten und letzten Teil des Romans Der Laden 1992 vollendet hatte und zwei Jahre später starb.

Längst hat es sich herumgesprochen, daß es das rote Backsteinhaus mit dem Laden, in das der Schriftsteller mit Eltern und Geschwistern 1919 einzog, noch immer gibt und Strittmatters Bruder Heinrich, der Heinjak aus dem Roman, darin weiterlebt, als wäre er nie fortgegangen, umgeben von den alten Möbeln der Eltern, dem Ankleidespiegel, den Fotografien aus dem Familienalbum - und all den Büchern seines Bruders. Er kam in das ausgestorbene Haus zurück, nachdem auch sein Vater 1981 auf den Bohsdorfer Friedhof getragen und neben sein "Lenchen" gelegt worden war. Jetzt ist es still geworden zwischen Wohnzimmer und Laden, wo es einst so oft bebte und krachte, wo sich auf kleinstem Raum das Leben in seiner Fülle ausgebreitet hatte, mit Liebe und Eifersucht, Geburt und Tod, Streit und Versöhnung.

Endlich hat das Dorf seine große Chance

Aufregung bringen nur noch die Fremden in das Leben des 82jährigen Strittmatter. Sie kommen und drücken ihre Nasen an den Fensterscheiben des Ladens platt und wollen eindringen in die Kindheit des "Bäckersch Esau", der damals vielleicht schon etwas ahnte vom späteren Schriftstellerleben und manchmal erklärte, "daß es mir so vorkäme, als wäre ich noch wer anders und vielleicht werde ich einmal noch ganz was anderes". Und als er dann seine Erinnerungen zu Literatur machte, wühlte sein Bossdomer Leben die Leser so auf, daß sie dachten, einer würde sich ihnen ganz und gar offenbaren, und sie wurden begierig danach, das Geschriebene fühlen und riechen zu können, die literarischen Bilder endlich in Farbe zu sehen. Erwin Strittmatter "registrierte dies schon damals mit zwiespältigen Gefühlen", erzählt seine Frau Eva, die in Schulzenhof in Brandenburg lebt, Strittmatters Wahlheimat. "Dies war ein Umgang mit seiner Existenz und seiner Literatur, der ihm widerstrebte."

Heinrich Strittmatter aber dachte anders als sein Bruder, ließ die Neugierigen hinein, erklärte und erzählte, konnte es nicht glauben, daß man sich nur wegen des Bäckerladens von der Schweiz in die Niederlausitz aufgemacht hatte, und das in tiefsten DDR-Zeiten. Jahrelang empfing er die Eindringlinge in dem niedrigen Haus mit dem undichten Dach, dem bröckelnden Gemäuer, teilte mit den Fremden seine Erinnerungen, die sie herausforderten, als gehöre ihnen als Lesern ein Teil davon.