Wo der Schriftsteller W. G. Sebald auf Reisen war, in den Ausgewanderten vor allem, da entwickelte er einen Stil, der ein bißchen elegisch war, ein bißchen betörend, ein bißchen unbeholfen manchmal auch, einen Stil, der einen sehr für die Leute einnahm, über die er da so anteilnehmend erzählte, und ebenso sehr für ihn selbst, diesen schwermütig Reisenden auf den Spuren von Leuten, die er uns zu Freunden machte. Nicht mehr so schön war dieser offenbar aber unentrinnbare Stil, als sich Sebald im letzten erzählenden Buch, den Ringen des Saturn, reisend gleichsam lediglich noch auf die Spur des eignen Befindens setzte - es fiel schwer, dieses Buch zu Ende zu lesen; man liest nicht gern einen Epigonen seiner selbst, den man davor meinte schätzen zu sollen.

Wo Sebald über Literatur redete, in seinen einschlägigen Aufsatzsammlungen, deren Einzelstücke fast alle vor den Reisebüchern entstanden waren, fielen seine zahlreichen Benjamin- und Adornozitate auf, und wie er mit ihnen gerade solche Autoren am besten zu verstehen schien, denen es, wie ihm selbst, nicht sehr gut auf dieser Welt gefiel und die der Gewalt, wenn sie am wenigsten zu ertragen war, nichts mehr entgegensetzten wollten als das Untergehn, das Schweigen oder jene instabilen und nu r jahrtausendalten Nerven zumutbaren Hoffnungen, wie sie ein Messias erregen kann, von dem jeder andre weiß, daß er nicht kommen wird.

Je öfter Sebald Benjamin und Adorno zitierte, desto deutlicher wurden aus ihnen jene Esoteriker, die sie ja inzwischen wohl wirklich geworden sind, und Sebald wurde immer mehr jener sanfte Hinterwäldler, der uns still zeigen wollte, was sich mit ihnen alles verstehen ließ: alles eben.

Jetzt hat Sebald den (aber mittlerweile eben nicht mehr ganz so melodischen, sondern fast nur noch gravitätischen) Stil seiner Reiseerzählungen auf das Verstehen seiner Lieblingsautoren übertragen, dabei aber seine Anhänglichkeit an Benjamin und Adorno beibehalten, ja, er hat noch Marx und Engels dazugenommen (besonders wo es über Mörike und Keller geht) und reist auch noch, und zwar auf den eignen Spuren zurück, am liebsten bis hinab zu seinem Großvater, den wir aus seinen frühen Bücher n schon flüchtig kannten.

Bloch und eben Benjamin und Adorno hätten ihm Johann Peter Hebel nahegebracht, gegen die Nazis und ihren Freund Heidegger, und sein Großvater (also Sebalds) habe sich auch jedes Jahr den Kempter Bauernkalender gekauft. Übrigens ist Sebalds Großvater im selben Jahr wie Robert Walser gestorben, dem der längste der fünf Aufsätze zu Dichtern gilt; und Robert Walser hat auch fast ganz genauso ausgesehn wie Sebalds Großvater (beide übrigens sind auf Fotos, die Sebald jetzt den Essays beigegeben hat wie früher nur den erzählenden Büchern, tatsächlich weder voneinander noch auch, und das macht die ganze Sache nun allmählich prekär, von Sebald selbst zu unterscheiden).

Walser war sehr unglücklich, Hebel war stark im Sicherheben über das Endliche; Mörike hatte kein Glück mit der Liebe und Keller ebenfalls nicht, auch wenn Sebald schreiben kann: "Die Vereinigungsszenen, die er mit solcher Hingabe sich ausmalt, sind nicht nur unter den schönsten der Weltliteratur, sie sind einmalig auch, weil in ihnen der Liebeswunsch nicht sogleich sich verrät durch den starren männlichen Blick" - diese so forciert nachgestellten "sichs" stammen, wie der ganze verquere Duktus solcher Sätze, unselig gemischt wieder von Benjamin und Adorno; und wenn Sebald dann noch über den ein eigenes, aber von fremder Hand verschnittenes Aquarell betrachtenden Keller sagt: "Aber vielleicht dünkte es auch ihn, daß die schneeweiße Leere, die sich da hinter der beinahe transparenten Landschaft auftut, schöner ist noch als das Farbenwunder der Kunst", dann ist ihm da sein ganzer so liebgewordener Stil unter den Händen zerbröckelt und zerbröselt, doch ohne daß dies, wie er das bei Wals er sieht, zu irgend etwas führte.

Und er reist jetzt wieder, wie gesagt, und zwar reist er an den Bielersee, er läßt sich übersetzen auf die Insel Rousseaus, er läßt sich ein Logis geben in dem Landhaus, in dem Rousseau damals die beiden Zimmer direkt daneben bewohnte. Da sitzt er dann und ist dem gänzlich überspannten Rousseau jener Monate nahe. Er erwähnt dann jenes Ermenonville, wo Rousseau starb. Dort hatte mich einmal ein Zufall hingebracht, in diesen schönen Park, den Rousseaus wohlhabender Gönner sich damals gerade aus einem verwahrlosten Sumpfgebiet kunstreich erschaffen hatte, und ich hatte mir auch den überspannten Rousseau vorgestellt, wie er da nun in einer geliebten Natur botanisierte: einer Natur aber, die sein Gastgeber erst geschaffen hatte aus jenen Gräßlichkeiten, von denen sein Gast nur nicht wußte, daß erst aus ihnen die Gärtner dann gemacht hatten, wovon er träumte, es s ei der Geburtsort des Menschen.