Verwirrende Aura, anziehende Mischung. Warum drum herumreden. Ist es der Duft ihres Achselschweißes, der nach ein paar Gesprächsstunden in der winzigen Wohnung seine Wirkung entfaltet? Ist es der nackte Zeh, der dabei die ganze Zeit ungeniert aus einer Socke lächelt? Nicht, daß sie flirten würde. "Ich als Schamanin ...", sagt sie sachlich, und warum muß man jetzt nicht grinsen? Verfliegt die Skepsis so schnell vor ihrem ungeschminkten, engelsgleichen Ernst?

Eine eigenartige Person. Weißblonde Schamanin, frisch getaufte Christin, intellektuelles junges Kräuterweib, das tagsüber Ratsuchenden die Hand auflegt und nachts in schicken Münchner Diskotheken abtanzt. Nächsten Monat wird sie, einerseits, in Cambridge, wo sie studiert hat, vor dem elitären Debattierklub der Universität sprechen. Sie wird, andererseits, in Erding bei München, wo sie lebt, wieder für 35 Mark pro Nase ihre "schamanischen Waldführungen" machen und dabei Regenbogen an den Himmel zaubern, dies aber nur vielleicht. Sie heißt Dagmar C. Sie ist 31 Jahre alt. Sie hat offensichtlich die Kraft, zu helfen und zu heilen - woher auch immer.

Die Schamanin kocht Tee auf dem E-Herd, während draußen die S-Bahn vorbeirauscht. Sie bewohnt eineinhalb Zimmer in einem zweistöckigen Reihenhaus zwischen HL-Markt und Bahndamm am südlichen Ortsrand von Erding. Vor der Haustür struppiges Brachland, jenseits der Geleise weit sichtbare Totempfähle, mit den magischen Zeichen von McDonald's und Mercedes. Es ist ein sonniger, kalter Januarsonntag; wird frisch werden bei der Waldbegehung heute nachmittag. Der Wetterbericht hatte Schneeregen vorhergesagt, aber sie wußte schon gestern, daß es schön werden würde, bemerkt die Schamanin beiläufig.

Will man Dagmar C. glauben, sind Vorahnungen und übersinnliche Fingerzeige eine Konstante ihres Lebens. Die Wohnung zum Beispiel: Während eines Besuchs bei ihrer Schwester ganz in der Nähe haben ihr Johanniskrautpflanzen am Bahndamm gesagt, Zitat: "Du mußt jetzt sofort ins nächste Wirtshaus gehen, was Bayerisches essen und in die Zeitung schauen!" Beim Schweinsbraten sah sie einen Eineinhalb-Zimmer-Grundriß vor sich und wenig später im Lokalblatt die Annonce.

Die Wohnung ist sehr spärlich möbliert, aber viele Pflanzen und viele Bilder von Pflanzen und Tieren dekorieren sie. Schöne Bilder, alle selbstgemalt. Die Pflanzen wirken wie langweiliger Büroschmuck, bis die Schamanin darüber spricht: Sie kennt Gummibaum, Agave, Araukarie aus deren exotischen Heimatländern. Philodendron sagte im südamerikanischen Urwald zu ihr: "Ich verleihe den Frauen Würde", Hibiskus gab ihr Verbindung zur Venus, Dieffenbachia, großblättrig, weißgefleckt, Standard in AOK-Geschäftsstellen, heißt in Afrika wegen ihrer extremen Giftigkeit "Töte-sechs-Generationen". -

"Ich brauchte Gift um mich", sagt C., "um mich abzugrenzen." Näher will sie das nicht erläutern. Vom Farn hingegen gibt sie bestimmten Klienten gern ein Blättchen mit: Über Nacht in ein Glas Wasser legen, Essenz morgens trinken. Jede subjektiv "geliebte Pflanze" wirke heilsam auf diese einfache, selbst zu praktizierende Weise.

Dagmar C. ist in München geboren, aber aufgewachsen ist sie in Ghana, Peru, Thailand und Argentinien. Ihr Vater war Entwicklungshelfer. Ihr norddeutscher Name stammt von Deichbauern in der Ahnenreihe; der Großvater war Physikprofessor und Farmer in Ostafrika, eine Großmutter studierte Medizin. Dagmar hat in Deutschland Abitur gemacht und zuerst in Berlin Volkswirtschaft studiert, womit sie sich unterfordert fühlte; dann ging sie mit einem Stipendium nach Cambridge und sattelte um auf Ethnologie, Psychologie und Politik.