Rares Ereignis im Reich der Ordinarien: Bis Dienstag unterzeichneten 162 Professoren der Wirtschaftswissenschaften einen Aufruf über das Internet zugunsten ihres Kollegen Wolfgang Franz. Der Professor von der Universität Mannheim ist seit fünf Jahren Mitglied des Sachverständigenrats, und sein Mandat läuft aus. "Es wäre unverständlich, wenn die Bundesregierung auf den Rat dieses ausgewiesenen Fachmanns verzichten würde", mahnten die Kollegen. Zu spät. Die Bundesregierung hat bereits den Nachfolger bestimmt: Jürgen Kromphardt, Professor an der Technischen Universität Berlin.

Franz genießt den Ruf eines hochkompetenten Wissenschaftlers und umgänglichen Mannes, das ist unumstritten. Auch die Gewerkschaften hielten große Stücke auf ihn, sonst hätten sie ihn nicht vor fünf Jahren als "ihren" Mann für den Sachverständigenrat empfohlen. Aber nun ist er beim DGB, der traditionell ein Vorschlagsrecht hat, in Ungnade gefallen. Der Vorwurf an die Adresse von Franz: Er habe sich nicht entschieden genug dem angebotspolitischen Dogma der Ratsmehrheit widersetzt.

"Ausschlaggebend war das jüngste Gutachten", heißt es beim DGB. Da standen zum Beispiel die Sätze: "Der Sachverständigenrat sieht den adäquaten Ansatz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in der Verbesserung der Angebotsbedingungen ... Die Wirtschaftspolitik sollte die angebotspolitische Linie fortsetzen, nicht mit weniger, sondern mit mehr Konsequenz als bisher." Der DGB sparte nicht mit Kritik an dieser Empfehlung, prompt beschwerte sich der Rat in einem Brief an den DGB-Vorsitzenden Dieter Schulte.

Und mittendrin der Arbeitsmarktexperte Franz, von dem seine protestierenden Kollegen glauben, er sei "gerade das Mitglied im Sachverständigenrat, das durch eine differenzierte Betrachtung angebots- und nachfrageorientierter Maßnahmen zu einer neuen Akzentsetzung beigetragen hat". Diesen Ansatz hat Franz wiederholt auch öffentlich vertreten. Aber die Gewerkschaften wollten mehr von ihm: ein Sondervotum, um sich von den vier Ratskollegen deutlich abzusetzen.

Joachim Möller von der Uni Regensburg, einer der Initiatoren des Internet-Fackelzugs für Franz, legt Wert auf die Feststellung, es gehe ihm überhaupt nicht um eine Demonstration gegen die Bundesregierung. Immerhin: Der Wunsch der Gewerkschaften war der Regierung Befehl. So wird in der kommenden Woche das Kabinett dem Bundespräsidenten den TU-Professor Kromphardt zur Ernennung vorschlagen.

Der hält sich noch zurück, läßt aber erkennen, daß er gegebenenfalls sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite in die Debatte einbringen würde. Damit liege er "in der Intention sehr auf der Linie von Herrn Franz", könne sich aber vorstellen, daß er zu anderen wirtschaftspolitischen Folgerungen komme. Der Sohn eines Ökonomieprofessors trat 1972 "wegen Willy Brandt" in die SPD ein und arbeitete seitdem viel mit der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen. Also ein richtiger Linker im Rat? "Linker als der Rest des Sachverständigenrats", lautet seine Selbsteinschätzung.