Im Kino, so heißt es, kann man dem Tod bei der Arbeit zusehen. Die Zeit rast in 24 Bildern pro Sekunde davon, und der Zuschauer hat das Nachsehen. Wie viele Geschichten passen in eine Minute Film? Machen wir ein Spiel und schließen eine Wette ab. Wieviel Geld, Technik und Kitsch, Wut und Herzblut sind nötig, um dem Tod auf der Leinwand ein Schnippchen zu schlagen? Was immer Sie jetzt bieten mögen, Emir Kusturica bietet mehr. Die Zigeuner, sein geliebtes Kinovolk, haben ihm geholfen, das Spiel zu gewinnen.

Dies ist die Geschichte einer Zigeunerhochzeit an den Ufern der Donau. Der Schmuggler Matko (Bajram Severdzan) verschachert seinen Sohn Zare (Florijan Ajdini) an die kleinwüchsige Schwester des Gangsters Dadan (Srdan Todorovic). Aber Zare liebt die wilde Ida (Branka Katic), und die Zwergin träumt von einem Riesen. Das Fest wird trotzdem arrangiert. Auf dem Dachboden lagert der Großvater (Zabit Memedov), eisgekühlt, denn er ist zur Unzeit gestorben. Am Ende schmilzt der Eisblock, die Liebe siegt über die Intrige, und der Großvater kehrt ins Leben zurück.

Ein Donaumärchen. Eine ausgelassene, aberwitzige Legende von einem uralten Volk, das mit Telefonen, Fönhauben und Fernsehapparaten hantiert, als sei die gesamte Technik der Neuzeit bloß Strandgut, emporgespült aus dem schlammigen Grund des Flusses. Nach dem Feuilleton-Krieg um sein Balkanepos Underground hatte Emir Kusturica verkündet, nie mehr Filme zu drehen. Heute sagt er, er hätte genausogut beschließen können, nicht mehr leben zu wollen. Mit Schwarze Katze, weißer Kater kehrt er nach Hause zurück, nicht nach Serbien oder Bosnien, sondern ins Zauberreich des Kinos, dem kein Krieg je etwas anhaben konnte. Auf diese Weise spielt er all denen einen Streich, die ihn als politischen Verräter verdammten, und feiert ein Fest. Ein Familienfest, wie es nur an der Grenze zwischen Europa und Asien stattfinden kann, voller Musik und fernöstlicher Melancholie, mit Großvätern, Vätern und Söhnen, in heftiger Haßliebe zwischen den Generationen vereint, mit Prinzessinnen, Hexen und Mafia-Paten, mit Technosound und Walzerklang. In Underground schien keine Sonne. Diesmal herrscht ewige Sommerfrische. Aus den Mündern der Greise blecken die Goldzähne, selbst der Dreck scheint zu leuchten.

Das kostbare Glück der reinen Gegenwart

Wer über diesen Film erschöpfend Auskunft geben möchte, der ist verloren. Der Platz auf dieser Seite würde nicht einmal ausreichen, um all die tolldreisten Eskapaden auch nur zu benennen. Da frißt ein Schwein einen kompletten Trabi. Ein Orchester hängt musizierend am Baum, die dicke Sängerin zieht mit ihrem Hintern einen Nagel aus dem Pfosten, ein Zug mit zwanzig Waggons verschwindet im Nichts, und der Pate (Sabri Sulejmani) residiert in einem Palast aus Schrott. Dadans Stretchlimousine bahnt sich ihren Weg durch kreischende Gänseherden, und am Horizont schieben sich die Dampfer durchs Bild, während der Wind Fetzen von anderen Festen aus anderen Welten ans Ufer weht.

Kusturica richtet ein Chaos an und scheucht unsere Sinne auf. Die Phantasie läuft Amok, und siehe da, keiner nimmt Schaden daran. Sie schlägt tausend Kapriolen, wie sie die kleinen Strolche ersonnen hätten, wäre Renoir ihr Anführer gewesen und ihre Großmutter eine Zigeunerin. Die Bilder bersten vor Vitalität; allein achtzig Tonspuren hat der Regisseur dirigiert und eine Symphonie aus den Abfällen der Moderne zusammengefügt. So singt er eine Hymne auf die jahrtausendealte Kultur der Zigeuner, die sich das, was sie vernichten könnte, kurzerhand einverleibt.

Kusturica hat erneut zahlreiche Roma aus der Gegend um Skopje als Laiendarsteller verpflichtet. Allen derben Späßen zum Trotz begegnet er seiner Wahlverwandtschaft mit fellinesker Zärtlichkeit, bildet sie doch die Großfamilie, von der er als Kind immer geträumt hat. Selbst die Bösewichte machen eine gute Figur, wie jene Clowns im Zirkus, denen jedes Kunststück mißlingt. Und wenn Zare und Ida ins Sonnenblumenfeld stürmen und ihre Kleider voll Übermut von sich schleudern, dann ahnt der zivilisierte Zeitgenosse, daß er so leidenschaftlich vermutlich niemals geliebt hat.