Als die Deutschen zum ersten Mal ernsthaft versuchten, eine Demokratie zu errichten, stand ihre Hauptstadt im Mittelpunkt des Geschehens. Aufstieg und Fall der Weimarer Republik spiegelten sich wider im Leben der tosenden Metropole. Berlin in den zwanziger Jahren, das wurde für die Nachgeborenen zur Legende. Hier versammelten sich die bedeutenden deutschen Maler, Dichter und Schauspieler, die Lenker der Politik saßen im Berliner Reichstag. Hier probten die Spartakisten den Aufstand, hier wurden Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Walther Rathenau ermordet, hier wurden Ebert und Stresemann zu Grabe getragen, hier begann der SA-Mob des Joseph Goebbels die Straße zu erobern. Max Reinhardt und Leopold Jessner erregten die Besucher mit ihren spektakulären Theaterinszenierungen, der Revueimpresario Rudolf Nelson begeisterte die Besucher mit seinen Tanzgirls, Bruno Walter dirigierte an der Staatsoper, Otto Klemperer kämpfte in der Krolloper für die musikalische Moderne.

In Berlin tobte der politische Kampf um das Sensationsbuch des Jahrzehnts - Remarques Im Westen nichts Neues - heftiger als sonstwo, Brecht/Weill errangen mit ihrer Geschichte über Mackie Messer und seine Polly Peachum den vielleicht größten deutschen Theatertriumph der zwanziger Jahre. An der Spree lagen die großen Verlags- und Zeitungshäuser der Republik, Ullstein und Mosse hatten die bedeutenden Journalisten der Zeit eingekauft, Carl von Ossietzkys Weltbühne blieb fein, auflagenklein und - von der Justiz ständig bedroht - unabhängig von den beiden Medienkonzernen. Berlin, das war "Amerikanismus" und "Neue Sachlichkeit", Jazz und Drogen, Huren und Spielhöllen. In der Hauptstadt amüsierten sich auch die angereisten Provinzler, machte man in der Politik, in der Kunst oder im Journalismus Karriere - oder scheiterte.

Die Golden Twenties aber waren so golden nicht, wie die Legende es haben will. Neben protzigem Neureichtum herrschten in den kilometerlangen Arbeitersiedlungen Armut und Verbrechen, vor allem in den Jahren der Inflation und der hohen Arbeitslosigkeit säumten Heerscharen von Bettlern die Straßen der Stadt, Töchter und Söhne des durch die rasende Geldentwertung gestürzten Mittelstandes und Bürgertums boten sich zum bezahlten Liebesakt an. Kommunisten und Nationalsozialisten begannen sich Ende der zwanziger Jahre blutige Saal- und Straßenschlachten zu liefern, und im Berliner Reichstag forderten immer mehr Abgeordnete den autoritären, von parlamentarischen "Zwängen" befreiten Staat.

Manches von dem hier Skizzierten ist nachzulesen in dem Buch des amerikanischen Journalisten Otto Friedrich (gestorben 1995), das erstmals 1972 erschien und nun neu aufgelegt wurde. Friedrich schreibt einfach, teilweise fesselnd, verzichtet auf leserermüdende Fußnoten, und es gelingt ihm ein Bild der Zeit zu schaffen. "Berlin nach dem Krieg", so zitiert er den Maler George Grosz, "das war Lärm, Gerücht, Geschrei, politische Parolen. Es wimmelte von Arbeitslosen. Um sie zu beruhigen, gab man ihnen Schachspiele statt Arbeit." Friedrichs Darstellung gibt vieles von dem wieder, was in diesen Sätzen umrissen wird.

Aber der Untertitel Berlin in den zwanziger Jahren täuscht. Friedrich hat über weite Passagen des Buches hinweg die Hauptstadt aus dem Auge verloren und vor allem eine Geschichte der Weimarer Republik geschrieben. Berlin als spezieller Ort der Handlung verschwindet hinter den großen politischen Entwicklungen der Republik, die Friedrich breit und interessant beschreibt. Die frühen Kämpfe um die Republik, der Kapp-Putsch, die Separatistenbewegungen, der Aufstieg der Rechtsradikalen und Völkischen, die persönlichen Tragödien Eberts, Rathenaus oder Stresemanns, die Götterdämmerung einer Demokratie, der in den Parlamenten und im Volk der Anhang massenhaft weglief. Aber das ist Allgemeingeschichte. Die im Titel versprochene Konzentration des Autors auf Berlin, das ja nun wahrhaftig ein Übermaß an Stoff geboten hätte, findet sich im Text nicht wieder.

Viele Zitate aus Tagebüchern oder Briefen damaliger Intellektueller füllen die Seiten, und sie bereichern den Text. Etwa wenn Friedrich den jungen Klaus Mann über eine Begegnung mit dem kuchenverschlingenden Hitler in einem Münchner Café erzählen läßt: "Während ich die Kellnerin rief, um meine Konsumtion zu bezahlen, fiel mir plötzlich ein, an wen der Kerl mich erinnerte. Haarmann, selbstverständlich. Wieso war ich darauf nicht schon längst gekommen? Freilich doch, er sah aus wie der Knabenmörder aus Hannover, dessen Prozeß unlängst Sensation gemacht hatte. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Tatmenschen frappierte mich. Schnurrbart und Locke, der verhangene Blick, der zugleich wehleidige und rohe Mund, die sture Stirn, ja sogar die anstößige Nase. Es war alles dasselbe!"

Und doch, man hat dies schon tiefgründiger und genauer gelesen. Friedrich hat sein Manuskript vor der Wende von 1989/90 geschrieben, und so schildert und reflektiert der Autor noch manches unter der zeitgeistigen Perspektive der Ost-West-Konfrontation, die die Deutschen 45 Jahre lang bewegt hat. Wer heute über das Berlin der zwanziger Jahre schreibt, wird es zweifellos auch unter dem Blickwinkel tun, daß die Metropole nun wieder die Hauptstadt der Deutschen geworden ist.