Ist das noch Kulturpolitik? In Hamburg sagt ein Intendant, es ist genug - und schon wackeln in Berlin und München die Stühle. Am Deutschen Schauspielhaus kündigt Frank Baumbauer für das Jahr 2000 seinen Abschied an - und postwendend werden Thomas Langhoff am Deutschen Theater in Berlin und Dieter Dorn an den Münchner Kammerspielen ausgemustert. Zwei hochgeschätzte Regisseure und erfahrene Theaterleiter, deren Verträge man eben noch verlängern wollte, sehen sich über Nacht in die Rolle lästiger Ruhestandskandidaten versetzt. Große Verdienste, besten Dank, das war's. Wen kann es da wundern, daß die Abgeschobenen verbittert reagieren, die Ensembles traurig, wütend, entsetzt protestieren?

Baumbauer trifft keine andere Schuld als die, in Basel und Hamburg höchst erfolgreich gewesen zu sein. Der Rest ist Markt. Zu billig, die Verantwortung allein den bösen Buben der Politik zuzuschieben. Markt macht auch das Feuilleton, das, immer aufgeregter, immer ungeduldiger, Theaterkritik wahlweise als Wetterbericht oder Börsentip mißversteht. Markt machen die Bühnen selbst, die sich, immer hektischer, immer ungenierter, die Talente und Hoffnungsträger gegenseitig abjagen. Da ist es doch nur folgerichtig, wenn auch die Kulturpolitik auf die Pirsch gehen will, zur Großwildjagd bläst. Hauptsache: Namen, Namen! Wer sieht da noch auf Kunst und Kontinuität - man schielt nach Prominenz und spektakulärem Wechsel.

Allerdings gibt es, unter Jägern wie Kulturpolitikern, noch Unterschiede. Während ein Julian Nida-Rümelin in München erkennbar die langfristige Zukunftssicherung der Kammerspiele in der Nach-Dorn-Ära im besorgten Blick hat, ballert Berlins Kultursenator Peter Radunski wieder einmal so munter drauflos, als sei er der Revierförster von Posemuckel. Alle Lebenserfahrung zeigt: So etwas kann ins Auge gehen. Es ist ins Auge gegangen. Am Deutschen Theater, an dieser heiklen Nahtstelle zwischen Ost und West, soll nun im Jahr 2001 ein großer Ensemble-Integrator entlassen werden, ohne daß gleichwertiger Ersatz zur Verfügung stünde. Langhoff hatte weitreichende Pläne für die Zukunft, er wollte seinem Haus, das sich zuletzt nur noch auf früheren großen Erfolgen ausruhte, vielfältige neue Impulse geben. Radunski aber, fixiert auf den einzigen Namen Baumbauer, hat das alles nicht mehr interessiert.

Die Unbedenklichkeit, die Stillosigkeit, mit der er Langhoffs Abwicklung betrieb, hat nun fatale Folgen. Nach Baumbauers Entscheidung für München steht der Jägermeister der deutschen Kulturpolitik mit leeren Händen und abgesägten Hosen da. Da hat er nun wirklich einen kapitalen Bock geschossen.