Jerusalem

Bisher hatte die israelische Fernsehsatire Harzufim Jitzhak Mordechai stets als Zierfisch im Aquarium dargestellt - berechenbar und ungefährlich. Seit sich der israelische Verteidigungsminister allerdings entschied, im nächsten Mai für das Amt des Ministerpräsidenten zu kandidieren, wurde er von Stund an als Hai dargestellt. Eine Metamorphose, die weitreichende Folgen haben könnte.

Seinen ersten Auftritt in den wilderen Gewässern gestaltete Mordechai äußerst eindrucksvoll im Team und stellte damit die weitverbreitete Annahme in Frage, daß Benjamin Netanjahu - dem in zweieinhalb Jahren immerhin fünf Minister den Rücken drehten - immer noch gute Chancen auf eine Wiederwahl habe. Denn auch Mordechai steht dem Volk nahe; und ihm könnte es gelingen, der Likud-Partei die traditionellen Anhänger orientalischer Herkunft abspenstig zu machen. Als erster jüdischer Kandidat, der aus einem arabischen Land stammt, wäre seine Wahl zum Regierungschef eine Revolution. Aus taktischen Gründen hat der ehemalige Generalstabschef Amnon Lipkin-Shahak, der Mordechai einst nicht einmal zu seinem Stellvertreter in der Armee machen wollte, ihm jetzt in der neu gegründeten Zentrumspartei den Vortritt überlassen. Eine Geste, die ihre Wirkung nicht verfehlte.

Es gehört zu den israelischen Besonderheiten, daß die politische Führung im Land bisher immer europäisch geprägt war. Ministerpräsident Menachem Begin, der den ersten Machtwechsel 1977 von der Arbeitspartei zum Likud mit den Stimmen der orientalischen Einwanderer schaffte, stammte aus Polen. Mordechai, der aus seiner Kindheit im irakischen Kurdistan noch ein paar Worte Arabisch spricht, wäre der erste wirklich einheimische Ministerpräsident.

Im Umgang mit den unmittelbaren Nachbarn hatte man sich in der Regierung gern auf ihn verlassen, wenn es Wogen zu glätten galt. Das direkte Wahlrecht, das allerdings bereits wieder in Abschaffung begriffen ist, aber bei diesem Urnengang noch gelten soll, verstärkt Mordechais Chancen. Den Umfragen zufolge würde er Benjamin Netanjahu im Duell beim zweiten Wahlgang souverän schlagen. Es bleibt aber die Frage, ob es dazu überhaupt kommt. Denn Oppositionschef Ehud Barak könnte Jitzhak Mordechai durchaus schon im ersten Wahlgang aus dem Rennen werfen.

Jedenfalls spiegelt der Wechsel des populären Verteidigungsministers zur neuen Zentrumspartei eine Veränderung der Parteienlandschaft wider, die seit Jahrzehnten von den zwei großen Lagern geprägt war. Neu ist der Versuch allerdings nicht. Mit ähnlichem Anspruch hatten bereits 1976 abtrünnige Mitglieder der Arbeitspartei die Dash-Partei gegründet. Ihre auf Anhieb gewählten 15 Abgeordneten gaben dann aber nur ein kurzes Gastspiel in der Knesset, weil sich die äußerst unterschiedlich veranlagten Beteiligten dauerhaft nicht gut unter einen Hut bringen ließen.

Die damals gedämpften Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zentrumspartei leben jetzt wieder auf. Vermutlich haben sich noch nie so viele Israelis gefragt, wem sie wohl bei den nächsten Wahlen ihre Stimmen geben sollen. Die Kandidatur Mordechais, den Netanjahu jetzt als Opportunisten zu stigmatisieren versucht, hat alte Strukturen aufgebrochen. Doch bis zum Mai kann noch viel Wasser den Jordan hinabfließen; und auch Haie können sich wieder in Zierfische zurückverwandeln.