Die Union verschwindet aus dem Zentrum der deutschen Politik. Der Verlust der Mitte ist nicht nur eine Richtungsfrage, nicht bloß ein "Rechtsruck", wie man ihn an der grellen Akzentuierung des Ausländerthemas und an der neuen Führungsrolle der CSU ablesen konnte. Stärker noch zeigt sich die neue Abseitigkeit in Stil und Gebaren. Schon das Unterschriftensammeln als außerparlamentarisches Druckmittel war eine Art politischer Regression: Die Volkspartei schlüpft in den Spielanzug der Bürgerinitiative. Das zeugt von einem Underdog-Bewußtsein, mit dem schwerlich Wahlen zu gewinnen sind. Mit der Nominierung von Dagmar Schipanski als Kandidatin für das Präsidentenamt ist mittlerweile die nächste Stufe der Randständigkeit erreicht.

Kaum jemand wird sagen können, ob Frau Schipanski nicht vielleicht eine sehr gute Bundespräsidentin wäre. Aber darum geht es nicht. Nie und nimmer durfte die Union in ihrer Lage jemanden vorschlagen, den kein Mensch kennt. Die Partei verstärkt damit den Eindruck, draußen vor der Tür zu stehen, zur politischen Erwachsenenwelt keinen Zutritt mehr zu haben. Immerhin ist die Wahl nicht auf Bärbel Bohley gefallen, von der im Vorfeld viel die Rede war. Sie auszuwählen wäre allerdings eine Tat gewesen, wenn auch keine kluge - gewissermaßen ein bewußtes Bekenntnis zum Sektierertum auf hohem moralischem Niveau. Statt dessen nun - wenn nicht persönlich, so doch politisch - die Nullösung.

Wozu braucht man eigentlich die Union? Als Vorkämpferin gegen den wirtschaftspolitischen Lafontainismus hat sie bislang wenig auf sich aufmerksam gemacht; und wenn sie damit noch lange wartet, wird am Ende die Hombach-Fraktion in der SPD wieder in Erscheinung treten und diese Oppositionsrolle ins Regierungsschauspiel integrieren.

Das Steuerurteil des Bundesverfassungsgerichts mit seiner Rückenstärkung für Eheleute paßt immer noch besser zum Familienbild der CDU/CSU als zur rotgrünen Frauen- und Gesellschaftspolitik. Aber nach jahrelanger eigener Untätigkeit in dieser Sache sind die Regierenden von gestern kaum berechtigt, daraus Kapital zu schlagen.

Die Verteidigung der Kohlschen Europa-Visionen gegen Gerhard Schröders Knickrigkeit hat Außenminister Fischer übernommen. Die Union widmet sich derweil, unter Stoibers Einfluß, der Pflege einer geisterhaften nationalen Identität. Man dachte immer, die Hauptgefahren für die Zeit nach Kohl seien Selbstzerfleischung und Zerfall. Aber darauf kommt es gar nicht mehr an, wenn man sich erst einmal überflüssig gemacht hat.