Nach Florenz reisen, um das Haus aufzusuchen, wo Dostojewskij seinen Roman Der Idiot geschrieben hat, das geht. In Island dahin fahren, wo der Autor einer Saga gelebt und geschrieben hat, geht nicht. Der 1927 geborene dänische Schriftsteller Poul Vad - hierzulande vor allem bekannt als Verfasser des grandiosen Romans Anatomie der Katze - gibt die Erklärung: "Während die Schreiber mit ihrer Anonymität der Nachwelt einen Streich spielten, erwiesen sie dem Lande dadurch einen unschätzbaren Dienst, daß sie der Geographie eine imaginäre Dimension verliehen."

Vad begreift seine Reise nach Island als eine literarische Wallfahrt in das Herz jener Gegenden, in denen ein namenloser Verfasser die Saga von Hrafnkel dem Freysgoden angesiedelt hat. Sagas sind um 1300 entstandene Geschlechter-Erzählungen, die mündlich Überliefertes aus der 400 Jahre zurückliegenden Zeit der Landnahme Islands durch die Wikinger schriftlich fixierten. Mit der Hrafnkel-Saga, die im Anhang des Buches ungekürzt abgedruckt ist, hat es eine besondere Bewandtnis. Sie erzählt wenig, doch ihr "epischer Minimalismus" enthält die Kombinationsvielfalt eines Schachspiels. Wie alle Sagas thematisiert sie den Streit um die Macht, aber sie verzichtet auf jede moralische Zensur.

Fasziniert liest Poul Vad ihre Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Macht: "Obwohl die Werte, welche die Nordmenschen der damaligen Zeit motivierten, nicht die unsrigen sind, können wir nicht umhin, in dieser Saga Konflikte wiederzuerkennen, wie sie in jedem Machtspiel auftreten, und uns deshalb in unserem Rechtsempfinden und unserem allgemeinen menschlichen Anstand herausgefordert zu fühlen, zu einem Nachdenken gezwungen zu werden, das nie einen eindeutigen Schluß zu ziehen vermag."

In erster Linie aber bleibt die Saga für ihn eine gute Geschichte. Poul Vad ist ein belesener Autor, und es ist bestechend, wie er die von Flaubert am Don Quijote beobachtete "Abwesenheit von Kunst" als frühe Leistung der Saga registriert. Auch sie habe in einen eindringlich erlebten Stoff Kunst so sehr integriert, "daß es uns vorkommt, als spräche das Leben selber zu uns".

Was aber hat diese Saga-Philologie mit Island zu tun, und ist Poul Vads Islandreise überhaupt ein Reisebuch? Es ist ein Reisebuch, weil es sich selbstlos in einen Text vertieft, dessen Vergangenheit in Island noch nicht vergangen ist. Die kunstlose Kunst der Saga und ihre Haltung des Verzichts auf moralische Orientierung aktualisiert Vad in der stupenden Einläßlichkeit seiner Lektüre als ein Modell für den Umgang mit der Fremde und ihren Bewohnern. Vad realisiert in seiner Lese- und Reiseerfahrung die Wurzeln und die Wirklichkeit der Komplexität Islands. Mit inspirierter Unternehmungslust betreibt er Poetologie als hohe Landes- und Menschenkunde.

Eine skurrile und rätselhafte Belohnung erfährt Vad, als er ans Ziel seiner Reise gelangt, zum untrennbar mit der Hrafnkel-Saga verknüpften abgelegenen Hof Adalbol. Dort stößt er auf eigensinnige Menschen, die selbst der Saga entstammen könnten. Das kann Poul Vad so aufgeräumt (aber nie so abgebrüht) schildern wie Paul Theroux.

Das letzte Kapitel, gleichsam Probe aufs Exempel, widmet er einem Bauern, der weiß, daß die Architektur seines Hauses aus der Zeit der Landnahme stammt. "Der Blick der blauen Augen hatte eine transparente, leuchtende Eigenschaft, es war, als hätte er etwas gesehen, das andere Menschen nicht sehen, nicht sehen können." Ähnlichem sei Vad beim Vater der russischen Atombombe begegnet, dessen "forschende und gefährliche Einsicht in das Wesen der Materie ihm dieselbe Würde und dieselbe unantastbare, aber in keiner Weise erschreckende Reinheit verliehen hatte". Poul Vad erfährt von dem Bauern weder Besonderes noch Erbauliches, aber eben deswegen wird er sich seiner eigenen Anwesenheit inne. Seine Reise-Saga bringt uns die Fremdheit von Land und Leuten näher, aber nicht nahe: "Man wird nie fertig mit der Saga von Hrafnkel dem Freysgoden; und ich werde nie fertig mit dem Bauern auf dem Skaftafell."