Der philosophische Ruf der Sprache ist seit jeher schwankend. Sie wurde als ein Spiegel gesehen, der die äußere Welt getreulich wiedergibt, aber auch als ein blinder Spiegel, der dem Geist die Sicht auf das Wesen der Dinge verstellt. Seit Nietzsches Tagen kursiert eine dritte Version. Ihr zufolge ist die Sprache eher ein Zerrspiegel, der als Wirklichkeit nur das erkennbar macht, was ihre Benutzer "etwas angeht". So erscheint die Sprache mal als ein transparentes, mal als ein intransparentes, mal als ein immer neu schematisierendes Medium, das recht oder schlecht - oder jenseits von recht und schlecht - zwischen Geist und Welt operiert.

In einem neueren Artikel, der viele Motive seines Denkens noch einmal Revue passieren läßt, verwirft der amerikanische Philosoph Donald Davidson alle diese Varianten. Unter der Überschrift Seeing Through Language nimmt er eine Dekonstruktion seiner Titelmetapher vor. Hier der Geist, dort die Welt, dazwischen das Augenglas der Sprache: Dieses Bild führt in die Irre. Es suggeriert, daß Geist und Welt getrennte Sphären sind, die durch ein Drittes in Verbindung gebracht werden müssen. Geist aber, der nicht von der Welt, und Welt, die nicht erkennend zugänglich wäre, sind leere Begriffe. Um der Vorstellung einer getreuen oder ungetreuen Abbildung einer außerhalb unserer Reichweite gegebenen Welt zu entkommen, empfiehlt Davidson einen Vergleich mit den Sinnen. Wir sehen nicht durch die Augen, sondern mit ihnen. Wir hören nicht durch die Ohren, sondern mit ihnen. Entsprechend ist auch die Sprache nichts, was zwischen uns und der Welt stünde. Sie ist Teil von uns. Sie ist die Art, in der wir als erkennende Wesen Welt haben. Sie ist kein Fenster, kein Bildschirm, kein Mittleres und daher für Davidson kein Medium.

Natürlich kann man sagen, daß sich die Menschen vermöge ihrer Sinne und Sprache mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Aber wie die Sinne einen direkten Kontakt mit der Umgebung ermöglichen, so auch die Sprache. Auch sie ist ein "Organ" des Menschen. Jedoch ist sie mehr als ein sechster Sinn. Sie ist das Organ einer "propositionalen Wahrnehmung", also einer gedanklichen Aufnahme von äußeren Zuständen und Geschehnissen. Sie erlaubt es nicht nur, in Kontakt mit der eigenen Umgebung zu stehen, sondern sich einen Begriff von den Dingen und Ereignissen der Welt zu machen. Sie macht es möglich, sich durch Meinungen und durch die Korrektur von Meinungen zu orientieren. In diesem von Sprache geleiteten Erkennen spielen die vitalen Interessen der Menschen stets eine wichtige Rolle. Aber darin liegt keine fundamentale Verfälschung, sondern vielmehr eine hilfreiche Bereitstellung von Hinsichten, unter denen die Individuen ihre Aufmerksamkeit auf die Welt richten können.

Davidson nutzt diese Überlegungen, um in Auseinandersetzung mit der neuesten empirischen und philosophischen Forschung nach dem Verhältnis von Denken und Sprechen zu fragen. Was er dabei sagt, stimmt in der Sache mit der Antwort überein, die schon Herder in seiner 1770 verfaßten Schrift Über den Ursprung der Sprache gegeben hatte. (Freilich nur in der Sache; stilistisch liegen Welten zwischen dem analytischen Understatement Davidsons und dem poetischen Overstatement Herders.) Sprache und Denken sind strikt interdependent. Sie entwickeln sich simultan. Sosehr der Mensch angeborene Fähigkeiten hat, die ihm das Erlernen von Sprache ermöglichen, was ihm dabei von Natur aus mitgegeben ist, ist keine "Sprache des Denkens". Die Annahme einer solchen Sprache des Geistes hinter der verbalen Sprache hat wenig Sinn. Denn sie versetzt die Sprache erneut in die dubiose Rolle einer Mittlerin zwischen dem Geist und der Welt.

Doch Vorsicht - Davidson gebraucht den Begriff des Mediums in einem sehr eingeschränkten Sinn. Daher treffen seine Argumente nicht jede Tradition, in der Sprache auf den Namen eines "Mediums" hört. In seinem Hauptwerk Wahrheit und Methode etwa bezeichnet Hans-Georg Gadamer die Sprache als das "universale Medium, in dem sich alles Verstehen vollzieht". Auch hier tritt die Sprache nicht als ein Instrument, sondern als ein unverzichtbares Element des Denkens auf. Nur im Fluß der Sprache kann sich das Denken bewegen - darin stimmen beide Autoren trotz der divergierenden Wortwahl überein. Wie auch darin, daß vor dem sinnvollen Gebrauch irgendeines neuen Mediums die Beherrschung der guten alten natürlichen Sprache steht.