Die Befürchtung war: Chaos. Das Versprechen lautete: Kontinuität. Die Praxis der ersten 100 Tage neigt letzterem zu. Mit erstaunlichem Pragmatismus begegnete die Regierung den beiden drängendsten außenpolitischen Herausforderungen: dem Krieg im Kosovo und der Irakkrise. Wer hätte noch vor einem halben Jahr für möglich gehalten, daß eine rot-grüne Regierung bereit sein könnte, deutsche Soldaten auf den Balkan zu schicken - noch dazu ohne hinreichenden Auftrag durch die Vereinten Nationen? Und wer hätte angenommen, daß ein grüner Außenminister seine Kritik hinunterschluckt, wenn Amerikaner und Briten Bagdad bombardieren? Für Schröder und Fischer war es ein Glück, gleich zu Anfang auf die Probe gestellt zu werden. So konnten sie früh Bündnistreue dokumentieren - und ein Grundvertrauen der zunächst verunsicherten Partner erwerben, das nun frei macht für souveräne Entscheidungen.

Beständig in den großen Linien, ungeschickt in Stilfragen: Weder Jürgen Trittins Brennstab-Auftritte in Paris und London noch Oskar Lafontaines Anspruch, die europäische, wenn nicht gar die globale Wirtschafts- und Finanzpolitik zu formen, bestachen durch diplomatisches Feingefühl. Verwunderung löste auch Joschka Fischer aus, als er die Nuklearmächte per Interview aufforderte, ihre Ersteinsatzstrategie zu überdenken.

Addieren sich diese kleinen Plumpheiten schon zu einer "Neuen Deutschen Bestimmtheit"? Manche glauben das und verweisen insbesondere auf den uncharmanten Ton, den der Bundeskanzler und sein Berater Michael Steiner in die Außen-, jedenfalls in die Europapolitik einbringen. Aber noch ergeben die ersten Fehltritte keinen schiefen Pfad. Geriete die deutsche Außenpolitik ernsthaft auf die abschüssige Bahn teutonischen Triumphgeheuls, wäre es wohl der Außenminister persönlich, der sich in den Weg stellen würde. Fischer, der sogar im Unionslager als "Kohlianer" bezeichnet wird, vertritt die Bonner Tradition der Zurückhaltung.

Zu Sorge also kein Anlaß, zu Euphorie aber auch nicht. Vor allem die Fähigkeit, die Außen- und Sicherheitspolitik konzeptionell zu gestalten, ist noch nicht sichtbar: Im Mai müssen Schröder und Fischer in Peking erstmals demonstrieren, wie rot-grüne Menschenrechtspolitik mit Leben zu erfüllen ist. Bislang ist das grüne Lieblingsthema nur rhetorisch und institutionell aufgewertet worden - vom öffentlichkeitswirksamen Empfang des chinesischen Dissidenten Wei Jingsheng im Auswärtigen Amt abgesehen. Hier könnten Enttäuschungen lauern, ähnlich wie bei der Wehrstrukturreform: Bislang ist kein Plan in Sicht, nach dem die Zukunft der Bundeswehr einvernehmlich gestaltet werden könnte.