Angler Alwin P. steht zum erstenmal vor Gericht. Der 35jährige soll einem Wirbeltier "erhebliches Leid" zugefügt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im September des vergangenen Jahres in der Billwerder Bucht mit verbotenen Ködern geangelt zu haben. Lebende Rotaugen soll er mit einer Nähnadel durchbohrt und brutal als zappelnden Köder auf den Haken gespießt haben. So hat es zumindest ein Beamter der Wasserschutzpolizei zu Protokoll genommen. Diese Methode ist heute streng verboten, wird aber dennoch angewandt, weil der unwiderstehliche Reiz, den lebende Fischchen auf Raubfische ausüben, von toten oder künstlichen Ködern nicht erreicht wird.

Angler Alwin bestreitet die Tat energisch und hat eine entwaffnende Erklärung parat: "Das kann ich doch nie und nimmer gemacht haben. Das ist doch per Gesetz verboten", sagt der schnauzbärtige Sportsmann entrüstet. Beifall aus dem Zuschauerraum begleitet diese Einlassung, denn die Angelfreunde lassen ihren Alwin in seiner schweren Stunde nicht im Stich. Eingehüllt in dicke Jacken, sehen sie allesamt aus, als würden sie gemeinsam nach dem Prozeß fischen gehen wollen. Zu seiner Verteidigung hat Alwin P. eine komplette Angelausrüstung aufgeboten. In aller Seelenruhe breitet er Gummifische, Haken, Köder, Messer vor sich auf dem Tisch aus.

Am bunten Gummifisch demonstriert Alwin P. dem Richter die gesetzeskonforme Angelkunst. "Das geht streng nach Kodex bei uns!" Damals, das gebe er zu, habe er mit echten Fischen geangelt, aber die Köderfische habe er zunächst betäubt. "Zack, ein Schlag von mir, dann sind die erstmal k. o." Anschließend wurden die Rotaugen mit einer Nadel erdolcht. Ein entschlossener Stich hinter die Kiemen, schon sei jeder Fisch mit Sicherheit hinüber, erläutert Alwin P.

"Aha, zuerst kriegen die eins auf die Rübe, dann kommt der Todesstoß", staunt der Richter. Der Jurist ist ein Laie, der zugeben muß, Fische nur auf dem Teller wahrzunehmen.

Die Beweislage in dem Verfahren ist so trübe wie das Wasser in der Billwerder Bucht. Polizist Wolfgang Sch., der die Untat an der wehrlosen Kreatur im September beobachtet haben will, muß vor Gericht einräumen, daß die Köderfische bereits tot waren, als er sie aus dem Wasser zog. Auf Spuren des todbringenden Nadelstoßes habe er nicht geachtet, sagt der Zeuge. Für ihn hätten die Fische "äußerlich gesund und unversehrt" ausgesehen, da habe er gemeint, Herr P. habe sie wohl an der Leine verenden lassen.

Ein hinzugezogener Sachverständiger weist darauf hin, daß die todbringende "Kehlung" von einem Laien gar nicht zu erkennen sei. Der Experte muß nun noch klären, ob zwei weitere Rotaugen, die in Alwins Kanister auf ihr Ende warteten, unnötigen Ängsten ausgesetzt worden sind. Schließlich gibt es schon einschlägige Gerichtsurteile zum Fischstreß in zu kleinen Eimern. "Fühlten sich die Kleinen denn dort auch wohl?" forscht der Richter. So zwei Fische in nur einem Eimer? "Das sollten sie aushalten", meint der Sachverständige ungerührt, Leiden könne er nicht attestieren.

"Kein Streß, keine Beweise", seufzt der Richter. Freispruch für Angler Alwin! Ein Aufatmen geht durch den Saal, sahen sich die versammelten Petrijünger doch allesamt schon kriminalisiert. Zufrieden packt Alwin P. seinen Koffer. Der glibberige Gummifisch verschwindet wieder in dem grauen Kasten bis zu seinem nächsten Einsatz in der Billwerder Bucht.