Ein Kandidat für Tratschke: Er ist aufs Jahr so alt wie dieses Jahrhundert. Er war ein frechfrivoler Zeitgeist, der als kleiner Bub sämtliche Mahler-Symphonien aus vierhändigen Klavierauszügen spielte. Er war der Senkrechtstarter des Bauhausfestes in Weimar 1923, ein Poet und leidenschaftlicher Feuilletonist, dessen "Lieblingskomponist" bis ins hohe Alter Franz Schubert hieß, ein Avantgardist, der nicht weniger als 240 Werke in fast allen Genres schrieb, darunter 20 mehr oder weniger unbekannte Opern. Die Frage Wer war's? - können wir uns sparen: Ernst Krenek, der Verwechselbare. Auf sein Reisebuch aus den österreichischen Alpen von 1929 allerdings sollte niemand so rasch die eigene Haut verwetten. 20 Lieder zwischen Dur und Moll - mal beißend ironisch, mal von beklemmender Innigkeit - walten hier ihres wahrhaft postromantischen Amtes und fördern vor allem eines zutage: Kreneks Identität als Österreicher und Wiener.

"Ich reise aus / meine Heimat zu entdecken", klagt das lyrische Krenek-Ich, welches wohl ein winterreisendes sein will, gleich im allerersten Lied und fügt, wie um Verständnis buhlend, hinzu: "So ist's mit uns / Unglaube gegen uns selbst ist zutiefst in uns verwurzelt." Eine mentale Tour d'horizon also, ein Abstecken der Grenzen im eigenen Kopf. Der Bariton Wolfgang Holzmair und der Pianist Gérard Wyss dokumentieren diese imaginäre Reise ohne alle Ressentiments, sie scheinen weder die Zweite Wiener Schule im Sinn zu haben noch Schubert (Philips 454 446).

Und ob Krenek nun munter die Elektrische besingt oder den Wein aus Gumpoldskirchen oder einen "Regentag" im Salzkammergut, ob Gebirgsfriedhöfe alias "Riesenleichensteine" ihn unterwegs heimsuchen oder er am Ende das "italische Licht" des Südens in warme Barkarolentöne kleidet - die Interpreten enthalten sich jeglicher Postkartennostalgie.

Es ist die zeitgeschichtliche Matrix des Zyklus, die zählt. Kaum zehn Jahre sollte es dauern, bis Ernst Krenek, der Wanderer zwischen den Stilen, der Österreicher, der seine Heimat mit der Seele suchte, für immer aus jener Welt von gestern vertrieben wurde. 1938 zierte die Titelfigur seiner großen Erfolgsoper Jonny spielt auf das Plakat zur Ausstellung Entartete Musik, im selben Jahr noch flüchtete Krenek nach Amerika. Sein Reisebuch bleibt von solcher Erschütterung nicht unberührt: In einem geradezu verzweifelten Sprung auf die "Märchenwiese der Dodekaphonie" kündigt das letzte Lied (Epilog) an, wie wenig die alte Ordnung noch gilt - Krenek, der Zwölftöner wider Willen?