Es sei, gestand sie gerade in einem Interview, "wie ein Sprung aus dem Fenster, ohne Flügel zu haben". Dreizehn Jahre lang gehörte Britta Steilmann dem Management des größten Bekleidungsherstellers Europas an, jetzt verkündete sie überraschend ihren Abgang. Die Firma ihres Vaters, die Klaus Steilmann GmbH in Bochum-Wattenscheid, wird von Ende März an ohne die bald 33jährige auskommen. Bislang hatte sie den Bereich Unternehmensentwicklung allein verantwortet und galt wohl auch als künftige Firmenchefin des 1,5-Milliarden-Konzerns - wenn Klaus Steilmann selbst den Absprung geschafft hätte.

Genau das, den Rückzug aus der vordersten Front des Unternehmens, hatte Steilmann für dieses Jahr geplant - im Juni wird er 70 Jahre alt, und im vergangenen Jahr konnte er das 40jährige Bestehen seines Unternehmens feiern. Daß der Wachwechsel, den der Firmenchef schon seit 1996 vorbereitet, nun erst einmal vertagt werden muß, liegt ganz gewiß auch an der starken Position des Gründers in seinem Unternehmen, das er zielstrebig und umsichtig zum größten Hersteller von Damenbekleidung in Europa ausgebaut hat. Aber es fehlt auch eine klare Nachfolgeregelung. Denn Klaus Steilmann hat drei Töchter. Und alle drei tragen Verantwortung im Unternehmen.

Zwar steht Steilmann seiner ältesten Tochter Britta besonders nahe, sie selbst sieht sich als "Lieblingstochter" ihres Vaters. Doch auch die beiden Jüngeren, Ute, die für die Produktpolitik verantwortlich ist und damit "große Erfolge" erzielt (Steilmann), und Cornelia, die das Klaus Steilmann Institut für Innovation und Umwelt leitet und nun zur Assistentin ihres Vaters in die Geschäftsleitung berufen wurde, gehören dem Führungskreis des Familienkonzerns an. Keine Frage, dieses Töchter-Trio hätte nach dem Willen des Vaters das Unternehmen in seinem Sinne fortführen sollen.

Eine Troika freilich hatte Britta ("Ich bin ein Machtmensch") nicht im Sinn. "Jemand muß im Zweifel sagen", so forderte sie im vergangenen Sommer unmißverständlich, "ob es nach rechts gehen soll oder nach links." Seither schwelt die Machtfrage über dem Familienclan. Während die jüngeren Schwestern auf einen harmonischen Dreiklang setzen, mit jeweils klar umrissenen Verantwortlichkeiten, wollte Britta, so Vater Steilmann, "die Gesamtverantwortung". Selbst für Klaus Steilmann, der seiner Ältesten durchaus eine "natürliche Führungsgabe" attestiert, kam dieser Machtanspruch zu früh. Er fürchtete "große Unruhe in seinem Management" - offenbar war es der Jungunternehmerin bisher nicht gelungen, ausreichend Vertrauen im Führungskader zu erwerben. Als der Familienrat, dem auch die Mutter, Ingrid Steilmann, als Marketingchefin angehört, ihr den Stab nicht übergeben wollte, reichte Britta die Kündigung ein. An der Gesellschafterstruktur - alle Familienmitglieder halten Anteile - ändert sich damit nichts.

Auch wenn Klaus Steilmann versichert, daß "die Familie nicht auseinanderbrechen" werde - das Unternehmen verliert eine farbige Figur. Anders als ihre Schwestern stand Britta stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Seit 1990 beschäftigte sie sich mit umweltverträglichen Konzepten. Sie prangerte die Textilindustrie als Umweltverschmutzer an und stellte 1992 eine erste Ökokollektion vor. Furore machte sie zwei Jahre später mit ihrer Modekollektion It's one world, gefertigt mit Stoffen aus handgepflückter Baumwolle, ungebleicht, chlorfrei gefärbt und kompostierbar. Regelmäßig setzt sie sich für die Lebensbedingungen der Lakota-Sioux-Indianer in einem Reservat in Süddakota ein. Ende August 1994 berief der damalige SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping Britta Steilmann zur Beraterin für Fragen der ökologischen Innovation. Bereits 1993 kürte das Wirtschaftsmagazin Capital sie zur Ökomanagerin des Jahres, 1995 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Für Klaus Steilmann muß der Abgang seiner ältesten Tochter besonders bitter sein. Denn auch in diesem Umweltengagement steht Britta ihm besonders nahe. So ist Steilmann maßgeblicher Initiator des Ökotechnologiezentrums Ecotextil in Bochum, plädiert für eine ökologische Steuerreform ebenso wir für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Rund 70 Prozent seiner Blusen, Röcke, Kostüme und Kleider erfüllen einschlägige Ökokriterien. Die Umweltkollektion It's one world wird zwar nur noch speziell für einzelne Handelsunternehmen wie Quelle gefertigt, dennoch ist Steilmann zufrieden. Das Unternehmen habe sich dadurch "ein großes Wissen angeeignet", das nun in die Abläufe der gesamten Produktion eingehe. 1992 wurde er in das renommierte Umweltgremium Club of Rome berufen. Steilmann engagiert sich zudem für den marktwirtschaftlichen Neubeginn in Osteuropa - wohin er inzwischen auch den größten Teil seiner Produktion verlagert hat.

Nur noch neun Prozent der Steilmann-Kollektion werden derzeit in Deutschland gefertigt - zwangsläufige Folge der hohen Arbeitskosten hierzulande. Und von insgesamt 16 000 Beschäftigten stehen nur noch 3500 in deutschen Werken auf den Gehaltslisten. Trotzdem: Aus der tiefen Krise, die die Branche in der Bundesrepublik seit Anfang der neunziger Jahre erfaßt hat, konnte sich Steilmann inzwischen herausarbeiten. Nach dem Umsatzhöhepunkt 1991 - bedingt durch die deutsche Einheit - mußte Steilmann ebenso wie seine Konkurrenten Jahr um Jahr Umsatzrückgänge hinnehmen (siehe Grafik). Angesichts der nur schwach steigenden oder stagnierenden Einkommen der Deutschen mußten einige wichtige Abnehmer von Steilmann-Ware wie die Handelsketten Hettlage und Dyckhoff aufgeben. Hinzu kam ein geradezu mörderischer Preiskrieg um die knauserigen Kunden. Darunter litten nicht nur die Umsätze, sondern - schlimmer noch - auch die Gewinne.