Im Sommer 1934 hält sich Walter Benjamin im dänischen Svendborg als Gast im Hause Brechts auf. Von hier aus schreibt er im Juli einen ausführlichen Brief an Gerhard Scholem, der, nachdem es zunächst um Fragen der Kafka-Deutung gegangen war, zum Schluß folgenden Absatz enthält: "Zu den großen Annehmlichkeiten Svendborgs gehört ein Radio, das man jetzt besser brauchen kann als je vorher. [Am Anfang des Monats war Röhm ermordet worden.] So habe ich die Reichtagsrede von Hitler vernehmen können, und da es das erstemal überhaupt war, daß ich ihn hörte, so kannst Du Dir ein Bild von der Wirkung machen." Später findet das Radio noch mehrfach Erwähnung. An Kracauer folgt der Bericht eines weiteren Schlüsselerlebnisses: "... auch von Gazetten ist man nicht abgeschnitten, und so habe ich heute Abend zum ersten Mal eine Nummer des Stürmer vor Augen gehabt."

Im Sommer 1934 also hört Benjamin, der bis März 1933 in Berlin gelebt hatte, in einem kleinen dänischen Fischernest zum ersten Mal Hitler reden? Wie, so fragt man sich, konnte einer in Berlin seine "Produktionsanstalt" haben, ohne den Stürmer zu Gesicht und Hitler zu Gehör zu bekommen? Was, so mag man die Frage auch stellen, war denn mit dem "politischen Charakter" der Zeitschrift gemeint, die Benjamin mit anderen im Frühling 1931 bei Rowohlt herausbringen wollte (und deren Scheitern nur das erste in der langen Kette vergeblicher Versuche und abgebrochener Unternehmungen ist)? Und wie, mit diesen Berichten im Ohr, ist gar der ausdrücklich bekundete Kommunismus Benjamins ("mein Kommunismus") zu verstehen?

Die meisten der hier abgedruckten Briefe aus vier für Benjamin entscheidenden Jahren sind bereits bekannt. Auch ist keine der Fragen, die sich bei der Lektüre aufdrängen, wirklich neu. Aber sie erscheinen im selben Maße in einem anderen Licht, wie sich die Briefe Benjamins anders lesen, nachdem sie aus dem Hin und Her des Briefwechsels (mit Scholem, Adorno, Brecht, Kraft und anderen) herausgetrennt und in eine Reihe mit bisher unbekannten (am eindringlichsten die Briefe an Gretel Karplus und Carl Linfert) gestellt wurden. Der Abdruck allein von Benjamins Teil der Korrespondenz läßt das Bild eines Schreibers entstehen, der Brief nach Brief verfaßt, ohne jemals eine Antwort zu bekommen. Vor allem jene "großen" Briefe, in denen Benjamin an Scholem über Judentum und Materialismus, an Sternberger über Heidegger, an Brecht über literarische Projekte schreibt - sie erscheinen anders nun, eingebettet in eine nicht enden wollende Kette, die immer wieder nur ein Thema umkreisen. Dieses Thema hat Benjamin - in einem nicht abgesandten Brief, mit dem er im Juli 1932 den Freunden Egon und Gert Wissing seinen im letzten Moment dann doch nicht vollzogenen Selbstmord ankündigt, über sich selbst dabei stets in dritter Person berichtend - als das der "Existenzmöglichkeiten für einen Schriftsteller seiner Haltung und Schulung in Deutschland" bezeichnet. Oder, schon im Rückblick aus dem Exil, als die sich immer bedrohlicher stellende Frage nach dem "Lebensraum einer gültigen schriftstellerischen Produktion".

Diese Frage, diese Erfahrung, daß sein Lebensraum "immer enger" wird und jene Existenzmöglichkeit "in reißendem Schwinden begriffen" ist, überlagert bei Benjamin alle Ereignisse, die der Geschichtsschreibung als die politisch entscheidenden gelten mögen. Daß er in Deutschland seiner Arbeitsmöglichkeiten beraubt und dadurch in einen Zustand "gesteigerten Existenzkampfes", in "Lebensverhältnisse dicht an der Grenze des Erträglichen" (und manches Mal auch darüber hinaus) gezwungen wird - das ist ein Zustand, der für Benjamin keineswegs erst mit Machtergreifung und Reichsschrifttumkammer einsetzt. Vorher schon, im Oktober 1932, schreibt er - im Blick auf den von den Nationalsozialisten kontrollierten Rundfunk und die spürbare Distanznahme der Frankfurter Zeitung - davon, daß seine "Arbeiten zur Zeit in Deutschland Gegenstand eines Boykotts" seien, "der nicht besser organisiert sein könnte, wenn ich ein kleiner jüdischer Kleiderhändler in Neu-Stettin wäre".

Ein Existenzkampf an der Grenze des Erträglichen

Das ist auch die Perspektive, unter der Benjamin sich von dem "neuen Regime" vor allem betroffen sieht. Nicht daß er den "individuellen Terror", das "Schicksal der Gefangenen" (zu denen sein Bruder gehört) nicht sähe. Aber was ihn aus Deutschland treibt, sind "nicht diese - seit langem mehr oder minder absehbaren - Verhältnisse", sondern "die fast mathematische Gleichzeitigkeit", mit der sie seiner bereits zerrütteten ökonomischen Situation einen weiteren, einen entscheidenden Schlag versetzen. Zwar hätte er sich - so Benjamin weiter - durch "äußerste politische Zurückhaltung" in Deutschland "vor planmäßiger Verfolgung" schützen können, "nicht aber vor dem Verhungern".

Es ist gut, sich dieser Umstände zu erinnern, um Benjamin nicht endgültig im Geistergespräch mit Schmitt und Kommerell und Heidegger verschwinden zu lassen. Denn es sind diese Umstände, die Benjamin zum Kommunisten machen. So verteidigt er in einem berühmten Brief an Scholem vom Mai 34 seinen Kommunismus damit, "daß er - um den Preis seiner Orthodoxie - nichts, aber garnichts ist, als der Ausdruck gewisser Erfahrungen, die ich in meinem Denken und in meiner Existenz gemacht habe, daß er ein drastischer, nicht unfruchtbarer Ausdruck der Unmöglichkeit des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebes ist, meinem Denken, meiner Existenz einen Raum zu bieten, daß er für den der Produktionsmittel ganz oder fast Beraubten de n naheliegenden, vernünftigen Versuch darstellt, in seinem Denken wie in seinem Leben das Recht auf diese zu proklamieren." An ihm, dem "ehemaligen Angehörigen der Bürgerklasse", wiederholt sich noch einmal der Prozeß der Enteignung, durch den die Klasse des Proletariats überhaupt erst gemacht worden ist, den diese Klasse aber nur allzu bereitwillig vergessen hat. Mit dieser Erfahrung von Enteignung und Beraubung vermißt Benjamin den politischen Raum; ihr gegenüber, so hält er Scholem entgegen, besitzen die von diesem ventilierten Alternativen, geistige wie politische, "nicht einen Schatten von Lebenskraft".