Sie sprechen von einer "systematischen Entprofessionalisierung und Demotivierung". Dem muß ich leider zustimmen. Mehr und mehr wird versucht, an der Fachhochschule die Ausbildung zum Polizei- oder Kriminalkommissar zu einem interdisziplinären Studiengang zu sublimieren. Das muß natürlich zu einem Universaldilettantismus führen. Die kontinuierliche Loslösung etwa der Berliner Fachhochschule vom Landeskriminalamt und der Landespolizeischule führt zu einer enormen Praxisverfremdung, die nicht nur der spätere Vorgesetzte, sondern leider auch der Bürger immer mehr zu spüren bekommt.

80 bis 90 Prozent der Ausbildungsinhalte beziehen sich auf Rechtswissenschaften. Es ist zu befürworten, wenn die Polizeibeamten eine gute Rechtssicherheit besitzen, um dem Bürger ein Leben entsprechend der freiheitlich demokratischen Grundordnung garantieren zu können. Die Polizei ist hier sicherlich noch verbesserungsfähig. Doch werden den studierenden Beamten im Rahmen der Laufbahnprüfung ausschließlich gutachterliche Stellungnahmen abverlangt, die straf-, strafprozeß-, verfassungs-, verwaltungs- sowie polizeirechtlich Sachverständigengutachten darstellen. All diese und weitere Rechtsmaterien (Umwelt-, Zivil-, Dienst-, Verkehrsrecht) sollen in vier Semestern beherrscht werden. Doch Polizisten erstellen in ihrem Beruf keine Gutachten; sie sind weder Richter noch Staats- oder Rechtsanwalt. Diese können das viel besser, sie haben in ihrem Studium auch dreimal soviel Zeit.

Für die Ermittlung von Todesursachen wären geeignete gerichtsmedizinische Kenntnisse nicht schädlich. Doch sind hierfür ganze 35 Doppelstunden vorgesehen!

Ein berufsspezifisches Praktikum bei der Feuerwehr wird nicht mehr angeboten. Das Wissen, wie sich ein vorsätzlich gelegtes Feuer von einem durch einen Unfall entstandenen unterscheidet, bleibt der Feuerwehr vorbehalten. Pech für den Bürger, denn nicht die Feuerwehr, sondern die Kriminalpolizei muß bei einer Brandstiftung ermitteln. Doch nichterkannte Brandstiftungen machen schließlich keine Arbeit. So können die Zahl der Vorgänge verringert und die überflüssigen Stellen abgebaut werden.

Weit gefehlt, daß die auszubildenden Kriminalpolizisten Dinge wie Vernehmungstechniken erlernen. Ebenso gibt es keine Unterrichtseinheit Ausländerrecht oder Dienstkunde. Oder praktische Übungen zur Spurensuche. Der Bürger möge auch nicht glauben, die Polizei sei noch in der Lage, eine gefährliche Situation durch körperliche oder materielle Überlegenheit zu bewältigen. Nach dem vierten Semester ist Schluß mit dem sonst (wöchentlich einmal) stattfindenden Sport. Jeder Polizeibeamte (Ausnahme: Spezialdienststellen wie SEK, PSK, MEK und andere) muß zweimal im Jahr sein Schießtraining absolvieren; dafür stehen ihm in Berlin genau 96 Schuß zur Verfügung. Jede seriöse Detektei läßt ihre Angestellten einmal in der Woche zum Schießtraining gehen! Daß nicht mehr schlimme Unfälle passieren, liegt wohl an den ausgezeichneten rechtlichen Kenntnissen. Lieber nicht selbst eingreifen oder gar schießen. In der Hoffnung, daß diese noch rechtzeitig eintreffen, werden dann lieber Spezialkräfte angefordert (so geschehen kürzlich in Berlin, als 16 Polizeibeamte untätig auf Kräfte des SEK warteten, während das betroffene Opfer Schlägen und Fußtritten ausgesetzt war, welche zu einer lebenslangen geistigen Behinderung führten).

Die Kommissaranwärter erlangen an der Fachhochschule den akademischen Grad des Diplomverwaltungswirtes. Und genau das kommt dann auch dabei heraus: Die Vorgänge werden nicht mehr bürgernah, professionell und individuell bearbeitet, wie ich mir das von diesem Beruf versprach; sie werden rechtlich korrekt "verwaltet". Zu oft nur für Versicherungen oder die das Verfahren einstellende Staatsanwaltschaft.

Werner Müller, Berlin