Ein Terror liegt über dem Land: Die Akzeptanz des Ästhetischen." Wie eine Fanfare klingt dieser Satz, mit dem Karl Heinz Bohrer im Herbst 1992 seinen Vortrag bei einem großen Ästhetik-Kongreß einleitet. Der Satz will so gar nicht zu den dramatischen politischen Ereignissen jener Zeit passen. In Rostock brennt ein Ausländerquartier, der Fremdenhaß macht sich grölend Luft, in Bosnien-Herzegowina wird "ethnische Säuberung" praktiziert, schießen Serben auf Menschen, die um Brot anstehen. Aber Bohrer liebt die wuchtige These und ein aggressives Vokabular, wenn es um die Klarstellung dessen geht, was ihm am Herzen liegt. Und dazu gehört das alte, immer wieder diskutierte Verhältnis von Kunst und Leben, Phantasie und Realität.

Schon Ende der sechziger Jahre macht er sich Gedanken über den Zusammenhang von Terror und Kunst. Damals sind es surrealistische Bilder und Texte, die die Einbildungskraft terrorisieren, Fotos aus dem Vietnamkrieg, die den Terror als Bestandteil des Alltags ausweisen, und Parolen der demonstrierenden Studenten, die eine spektakuläre Wiederkehr des Surrealismus zum Ausdruck bringen. Aber Phantasie und Alltag, die die Surrealisten vereinigen wollten, sollen für Bohrer auch damals schon getrennt bleiben. Insofern hat sich nichts geändert. Immer geht es ihm darum, den Eigensinn, den eigenen ästhetischen Sinn gegenüber der Sphäre des Alltags, der Politik, der Moral und der Theorie zu verteidigen. Und es ist eine Verteidigungshaltung, weil das Ästhetische für jene Sphären ein obskures Objekt permanenten Begehrens darstellt.

Geändert haben sich über die Jahre nur die Strategien und die Stoßrichtungen der vereinnahmenden Attacken. Die jüngste wird unter dem farbenfrohen Banner der "Entgrenzung" vorgetragen. "Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze), "ästhetisches Denken" (Wolfgang Welsch), "ästhetische Kultur" (Richard Rorty) und ähnliche Stichwörter umschreiben eine zeitgenössische Mentalität, in der sich die Individualisierung von Lebensformen mit ästhetischen Wahrnehmungsweisen und hedonistischen Wohlstandsattitüden verführerisch verschränkt. Unter den Bedingungen der modernen westlichen Gesellschaften ein ästhetisches Leben zu führen, heißt demnach nicht nur, ein angenehmes, interessantes, alles in allem schönes Leben zu führen, sondern ihm auch eine unverwechselbare Prägung zu geben und sich moralisch von künstlerischer Sensibilität leiten zu lassen.

Während es also früher darum ging, den Bereich des Ästhetischen vor der philosophischen, moralischen und politischen Vereinnahmung zu schützen, muß man sich heute umgekehrt gegenüber den totalisierenden Ansprüchen des Ästhetischen verwahren. Deshalb besteht Bohrer darauf, die ästhetische Grenze so "strikt", "streng" und "rein" zu beachten wie Immanuel Kant vor zweihundert Jahren, ein Theoretiker, mit dem er ansonsten nicht sympathisiert. Unbeeindruckt vom zeitgenössischen nachmetaphysischen Denken in seinen unterschiedlichen Varianten, hält er an einer "Substanz" und einem "Kern" des Ästhetischen fest. Dies zu tun ist gewiß in mancher Hinsicht unzeitgemäß. Aber was heißt das schon, seit Nietzsche mit seinen Unzeitgemäßen Betrachtungen die Philosophie durcheinanderwirbelte. Schwerer wiegt dagegen der mögliche Einwand, daß Bohrer eine in ihrer Absicht richtige These nicht mit ihren besten Argumenten begründet. Denn worin besteht der Kern des Ästhetischen? Paradoxerweise in einem "Hauch", einem "Äther", nämlich in einem Unwägbaren, Vorbegrifflichen, das Bohrer stets mit dem zeitlichen Modus der Plötzlichkeit in Verbindung bringt. In ästhetischen Wahrnehmungen erscheint "plötzlich" etwas, was sich nicht auf den Begriff bringen läßt, aber auch nichts bloß Beliebiges ist. Diese eigentümliche Zwischenstellung zu begründen ist seit Kant das Anliegen der Ästhetik. Und diese Begründung mit Hilfe der Kategorie der Plötzlichkeit oder des Augenblicks zu unternehmen ist ein Beitrag, den die philosophische und literarische Romantik geleistet hat. Dieser Tradition gilt daher von Anfang an Bohrers Interesse. Auch im vorliegenden Band kreisen verschiedene Aufsätze um die romantische Metaphorik als Prototyp einer in ihrem Bedeutungsgehalt uneinholbaren Sprache und um das "Phantastische" als einer sehr modernen, angsterregenden, daher für das Bewußtsein unauflöslichen Kategorie.

Bohrer wird nicht müde, als Exeget der Innovation aufzutreten, die die Romantik in den Diskurs der Moderne eingebracht hat. Das reicht aber nicht aus, um einem zentralen Einwand ausweichen zu können, den zuletzt Jacques Derrida formuliert hat: Wird das Ästhetische nämlich als ein von allen anderen Diskursen strikt Unterschiedenes angesetzt, ist es zum einen unendlich schwer, den Fangarmen nicht nur der Dekonstruktion, sondern auch der Dialektik zu entfliehen. Beide Denkmuster demonstrieren, daß das, was als ein Außen erscheint, nur ein nach außen projiziertes Innen ist. Zum anderen kann das rigoros abgetrennte Ästhetische gerade nicht leisten, was es nach Bohrer leisten soll: "Subversion". Radikal unterschiedene Bereiche können nicht aufeinander einwirken. Das ist nur möglich, wenn einer der Bereiche wenigstens einige Elemente der anderen aufweist.

Zweifellos kann die Grenzauflösung zur hedonistischen Banalisierung, politischen Reglementierung und philosophisch-moralischen Überstrapazierung des Ästhetischen führen. Insofern sind Bohrers Warnungen nach wie vor ernst zu nehmen. Fraglich ist allerdings, ob es zur Abwehr dieser Gefahren einer Erneuerung, ja einer Verstärkung des Kantischen Reinheitsgebots aus dem Ende des 18. Jahrhunderts bedarf. Auf die Unterschiede zu achten muß keineswegs bedeuten, die feinen Verbindungen außer acht zu lassen.

Karl Heinz Bohrer: Die Grenzen des Ästhetischen Carl Hanser Verlag, Edition Akzente, München 1998; 208 S., 34,- DM