Der Schriftsteller Kurt Tucholsky spottete einst: "Jede Wirtschaft beruht auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andere werde das gepumpte Geld schon zurückzahlen." Lange Zeit hing auch die Bundesregierung diesem Irrglauben an. Forderungen nach einem Schuldenerlaß für die Dritte Welt tat sie regelmäßig unwirsch ab. Wer Kredite aufgenommen habe, solle sie auch zurückzahlen. Schließlich bräche sonst früher oder später das ganze internationale Finanzystem zusammen.

Nun, ohne große Schlagzeilen, hat mit dem Wechsel der Regierung endlich auch dieses trivialökonomische Dogma abgedankt. Vergangene Woche präsentierte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Schuldeninitiative seiner Regierung. Er will in Zusammenarbeit mit Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul arme Länder schneller und stärker als bisher entschulden. Rechtzeitig zum Gipfel der sieben führenden Industrieländer plus Rußland (G-8) im Mai in Köln hat Schröder damit eine lobenswerte internationale Initiative gestartet.

Seit zwei Jahrzehnten leidet die Dritte Welt unter dem Schuldenproblem. Und allen Experten ist seit langem klar: Die meisten armen Länder werden die Kredite, die ihnen in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren leichtsinnig nachgeworfen worden waren, niemals völlig zurückzahlen können. Die Folgen sind offensichtlich. Immer neue Kredite müssen her, um die alten zu bedienen. Seit langem drosselt die irrsinnige Schuldenlast das Wirtschaftswachstum, zerstört Entwicklungsmöglichkeiten und vernichtet so die Zukunft vieler Menschen. Niemand weiß, wie viele Krankenhäuser ohne die Schuldenkrise hätten gebaut, wie viele Lehrer bezahlt und wieviel Umweltzerstörung hätte verhindert werden können.

Auf internationaler Ebene hat sich längst die Erkenntnis durchgesetzt, daß ein Schuldenerlaß weniger kostet als das endlose Beharren auf irrealen alten Forderungen. Erst vor zwei Jahren rief Weltbank-Chef James Wolfensohn daher einen Fonds ins Leben, der die Verbindlichkeiten der Ärmsten gegenüber Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) übernehmen sollte. Nach einer mehrjährigen Prüfzeit, so Wolfensohns Idee, sollen Regierungen, die eine ordentliche Haushaltspolitik betreiben, Schulden erlassen werden. Bolivien oder auch die Elfenbeinküste haben davon Gebrauch gemacht. Für alle vielversprechenden Kandidaten reichte das Geld nur leider nicht aus.

In Deutschland wurden solche Ideen bislang argwöhnisch beobachtet. Die Regierung Kohl stimmte nur widerwillig zu und profilierte sich so als unflexibler Hardliner gegenüber den Armen. Ihre zum Teil erheblichen Nachlässe bei den bilateralen Verpflichtungen armer Länder änderten an dem Image nur wenig.

Schröder hat den ersten Schritt aus dieser Sackgasse gemacht. Glaubt man seinen Worten, dann weiß die Bundesregierung, daß alle Entwicklungshilfe ohne Entschuldung nichts nützt. Und so will der Kanzler ähnlich wie Weltbank-Chef Wolfensohn nun die allerärmsten Länder entschulden, die sogenannten Heavily Indebted Poor Countries (HIPIC). Diese Länder, 41 an der Zahl, stehen allein in Deutschland mit 15 Milliarden Mark in der Kreide.

Bis zum Jahr 2000 sollen nach dem Plan, den das Entwicklungsministerium unter Heidemarie Wieczorek-Zeul ausgearbeitet hat, alle Entschuldungskandidaten feststehen. Ihnen könnte dann nicht nur der Weg für einen weiteren Schuldenerlaß durch IWF und Weltbank geebnet werden, die Bundesregierung will zudem auf bilaterale Forderungen aus Zeiten der DDR und auf unbeglichene Handelskredite verzichten. Insgesamt sollen dafür 1,5 Milliarden Mark bereitgestellt werden, 50 Millionen für den Weltbankfonds. Das klingt gut - und ist doch zuwenig.