Lucignano

Das soll sich bloß noch einer trauen! Ihr Zeigefinger fliegt, sie lacht dazu, und das Lachen geht über in ein Husten. Jawohl. Soll sich einer trauen, an ihr, der Fahrenden, nochmals die Schuhe abputzen zu wollen; den wird sie sich packen, ihm sagen: Für Sie, mein Herr, bin ich künftig die Frau Doktor.

Sie hebt sich jetzt schwer aus dem Stuhl. Der Rücken. Tut weh. Aber sie muß. Die Hühner, Herrgott, die Hühner sollen ins Gehege. Die Nacht kommt auch in Lucignano nachmittags, es ist Januar; und schon ist Mariella Mehr, 52, die Schriftstellerin, draußen. Im Herd brennt Holz. Zeit, sich die Fotografie genauer anzusehen: ein Knabe, pausbäckig und irgendwie stramm, ihr Großvater - ihm, den sie nicht kennengelernt hat, soll sie ähnlich gewesen sein.

Frau Doktor kommt zurück, wäscht die Hände - da war, hat sie erzählt, dieser Anruf eines Bekannten vor ein paar Monaten. Der hat ihr mitgeteilt, die Universität Basel wolle ihr einen Ehrendoktor verleihen. Für ihr Engagement, ihre Arbeit, für ihren aufreibenden politischen Kampf in der Schweiz, dafür, daß sie sich persönlich und literarisch gegen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt eingesetzt habe. - Ausgerechnet! Hat sie dieses Land doch eben erst verlassen, ist in die Toskana ausgewandert, um, wie sie sagt, "Distanz zu schaffen", weil sie "in der Schweiz nicht mehr leben kann".

Gründe dafür gab es genug. Die Intoleranz, die Respektlosigkeit, das politische Klima: eine Rechte, die sich von jüdischen Organisationen und Amerikanern erpreßt fühlte, "Geschichtsklitterung!" riefen sie, und ihre Anhänger heizten sich auf. Dreimal ist Mariella Mehr brutal überfallen worden, innerhalb weniger Wochen nur, 1997, mitten in der hitzig geführten Nazigold-Debatte; einmal aus einem fahrenden Zug geworfen, ein anderes Mal, nach einer Lesung, mit Fäusten niedergestreckt, du Zigeunerhure, du! Vergast hätte man dich in Deutschland! Sie glaubt, sie war den Schweizer Rassisten ein geeignetes Opfer. Die Strafanzeigen haben ins Nichts geführt.

Lange hat sie deshalb überlegt, ob sie die akademische Ehrung aus ebendiesem Land annehmen soll - und als sie sich dafür entschied, "Ich habe das verdient!", war es ein "besonderer Genuß", Ende vergangenen Jahres, dieses Dokument überreicht zu bekommen, in einem Saal vor 1000 Menschen, der Crème de la crème, zu der sie nicht gehört.

Komm! Sie will etwas zeigen.