Eine heisere Alt-Männer-Stimme bellt aus dem Führer-Bunker, kaum verständlich. Gerade daß man hört: "Die deutsche Kapitulation, die wird nie kommen, sondern der deutsche Sieg!" Wie viele Deutsche, an der Front, vor dem "Volksempfänger", haben damals das Gekrächz eines schon vom Wahn umfangenen "Führers" vernommen - ihm noch geglaubt, ihn verflucht?

Die wenigen Sekunden aus Hitlers Rundfunkrede zu Silvester 1944/45 sind nachdenklich stimmendes Zeugnis für die Verführungskraft der Medien: Wer dieses Ruinen-Raunen hört, ein halbes Jahrhundert später, kann sich nur schwer vorstellen, wie diesem seiner Stimme, seiner Gedanken nicht mehr mächtigen Drogen-Abhängigen ein ganzes Volk noch monatelang zu folgen bereit war.

Aus solchen akustischen, mentalen Blitz-Erhellungen lebt eine der besten, weil Aufklärung fördernden Editionen der noch jungen Sparte der Hörbücher - die mit bemerkenswerter Sorgfalt aufbereiteten Jahresbände Geschichte zum Hören. Die Publikation des DeutschlandRadios ist nach dem schmalen Band 1945 (zwei CDs) jetzt bei 1948 angelangt (jeweils fünf CDs). Weil sich das DeutschlandRadio, wie sein Intendant Elitz stolz posaunt, "als Radio der deutschen Länder auf Information und Kultur konzentriert", nennt man etwas vom Besten dieser Hör-, ja: Bücher!, nicht etwa Begleitbuch oder einfach Buch, sondern, kulturbewußt: Booklet - gute 100 Seiten stark, mit Zeittafeln, Tabellen, Erläuterungen, rundum lesenswert.

Daß sich die Funkler nicht einfach damit begnügen, einen Volontär ins Ton-Archiv zu schicken und Schall-Dokumente hintereinanderzuschneiden, macht dieses lehrreiche Hör-Buch aufregend - und empfehlenswert. Hier wird, noch einmal, an all die Widersprüche erinnert, aus denen nach einem angezettelten und prompt verlorenen Krieg die Bundesrepublik Deutschland entstanden ist.

Herr Stoiber, bitte mal herhören! "Arbeiter der Stirn und der Faust! Das bürgerlich-kapitalistische Zeitalter ist vorbei! Dem Sozialismus gehört die Zukunft!" So dröhnte nicht etwa die KPD, so warb die CDU, 1946, für die Wahl zum Berliner Stadtverordnetenparlament. Und, Herr Huber, ein Schmankerl für Sie: "Wir stehen in Deutschland nach dem Zusammenbruch nicht vor der unmittelbaren Aufgabe, die sozialistische Gesellschaftsordnung zu errichten." Keine Forderung der christlich-sozialen Ahnen aus Bayern, sondern eine Resolution des 2. SED-Parteitags vom September 1947.

Wer die Nachkriegszeit erlebt hat, taumelt von einer Überraschung in die andere - und erstarrt, wenn er die Stimme einer 14jährigen Olga hört, die anderthalb Jahre lang durch fünf Konzentrationslager gezerrt wurde und auf die Frage, in welchem es am schlimmsten gewesen sei, nach langem Schlucken, flüstert: "In Auschwitz. Man hat dort verbrannt viele Leute."

Und danach das Erschrecken: Als ob eine militärisch geschulte Stimme Befehle bellte, hören wir: "Nicht schuldig!" (Görings Antwort vor dem Kriegsverbrecherprozeß in Nürnberg) und, von einer Kanzel gesprochen: "Adam, wo bist du? Als ich mich fragte, wo ich von 1933 bis 37 war, wußte ich, das ist der Steckbrief des lebendigen Gottes gegen Pastor Niemöller."