Leipzig Die Welt kostet 29 Mark. Inklusive Papua-Neuguinea, Swasiland und Fidschis. Mit mehr Inseln, Bergen und Seen, als man für die Träume eines ganzen Lebens brauchte. Aber welche Träume sind schon aus Preßplastik? Der Baikalsee vom italienischen Fließband, ach! Wahre Träumer brauchen Globen, die mit Liebe gemacht sind, zumindest mit der Hand.

Die handgefertigte Welt auf mundgeblasener Glaskugel kostet 498 Mark. Sie ruht auf einem kirschbaumfarbenen Holzfuß, und ein goldener Meridian umfaßt sie vom Nord- zum Südpol. Knipst man die innen sitzende Lampe an, leuchten die Meere tiefblau, und dort, wo vorher nur Gebirge und Tiefebenen zu unterscheiden waren, erhellt sich die bunte politische Landschaft. Ein Stück für Liebhaber; aber "auch der Bürger holt sich heutzutage das schöne Stück", sagt Evelin Köhler, die Leiterin der Räthgloben-Verlagsgesellschaft in Böhlitz-Ehrenberg bei Leipzig.

Daß es aber nur wenige von diesen Bürgern gibt, macht ihr Sorge. 85 Mitarbeiter hatte Räthgloben zu DDR-Zeiten. Als der Verlag 1992 privatisiert wurde, ist Evelin Köhler als eine von 16 Mitarbeitern von einem kohlenbeheizten Hinterhaus in eine kleine Baracke gezogen. Geschäftsführer ist jetzt ein Kartograph aus Hessen. "In Sachsen schaut er nur vorbei, wenn wir hier Schwierigkeiten haben", sagt die Verlagsleiterin. Demnach müßte sie den Geschäftsführer recht häufig sehen. Heute hat Evelin Köhler noch sechs Mitarbeiterinnen: eine Buchhalterin und die fünf letzten Globenkaschiererinnen Europas. Sie schneiden auf Papier gedruckte Kontinente und Meere aus und kleben sie auf Glas- und Plastikkugeln. Für Reliefgloben modellieren sie den Himalaya und die Alpen aus einem Tonklumpen. Räthgloben verkauft seine Weltkugeln seit 1917, als der Buchhändler Paul Räth den Betrieb gründete. Damals ließ er auch Setzkästen und Lehrmittel für Schulen produzieren. Außer in Böhlitz-Ehrenberg gibt es heute nur noch ein paar Globenkaschierer in den Vereinigten Staaten und in Asien, aber das Gerede vom "aussterbenden Beruf" mag Evelin Köhler nicht hören: "Wir haben bisher durchgehalten, und wir wollen das auch weiterhin."

Einen Umsatz von einer Million Mark hatte sich die Geschäftsführung für das vergangene Jahr erhofft. Wieviel es letztendlich war, kann oder will die Verlagsleiterin nicht preisgeben, nur soviel: "Wir wissen, daß es nicht genug war." Einiges sei schiefgelaufen, erzählt sie. Auftraggeber hätten bestellte Ware nicht abgenommen, und es habe keine Sonderaufträge für Werbegeschenke gegeben, etwa für maschinell gefertigte Minigloben mit zwölf Zentimeter Durchmesser, die im Vorjahr ein gutes Geschäft gewesen waren. Der Auftrag für die Werbegeschenke hatte den Verlag auf die Idee gebracht, die Minigloben in sein Programm aufzunehmen. Es gibt sie jetzt im Zehnerpack, für 15,80 Mark das Stück. Sie sind das billigste Produkt des Hauses, aber keines, auf das Evelin Köhler stolz wäre.

Auch maschinell gefertigte Globen anzubieten ist ein notwendiges Übel, dem der Verlag seit vier Jahren gehorcht. Selbst wenn das Geschäft mit handkaschierten Weltkugeln immer noch für mehr als die Hälfte des Umsatzes sorgt, ist die Maschinenware letztlich einträglicher. Eine "preiswerte Alternative mit anspruchsvoller Ausstattung", heißt es im Prospekt. Aber auch das ist nur eine freundliche Umschreibung dafür, daß der kleine Betrieb nicht so günstig produzieren kann wie die italienische und dänische Industrie. Die Verlagsleiterin weiß das, und deshalb zählt sie auf den Charme der Tradition: "Die Menschen wollen heute wieder die guten alten Dinge", sagt sie.