Größe macht nicht unempfindlich. Die Rechtsabteilung der Suez-Lyonnaise des Eaux, zweitgrößter Wasserversorger der Welt, hat jedenfalls sehr harsch auf die Initiativen ihres pensionierten Mitarbeiters Jacques Michel reagiert. Sie verklagte ihn wegen Verleumdung auf Schadenersatz. "Auf ein solches Ausmaß von Betrügereien", so hat ein Wochenmagazin den Mann in einem Artikel über die Usancen der französischen Versorgungskonzerne zitiert, "bin ich nicht gefaßt gewesen."

Ingenieur Michel, 68 Jahre alt, war 30 Jahre lang ein treuer Mitarbeiter der Lyonnaise des Eaux, zuletzt Filialleiter im Languedoc. Seit seiner Pensionierung 1990 betreibt er eine Beratungsstelle für kommunale Wasserrechnungen. Bürgermeister oder Verbraucherverbände kommen zu ihm, wenn sie sich von den großen Versorgungsbetrieben über den Tisch gezogen fühlen. "Manchmal ist nichts an den Verträgen auszusetzen", sagt Michel. Oft aber eben doch.

In Avoriaz mußte die Lyonnaise des Eaux ihre Tarife um 37 Prozent senken, nachdem Michel den Vertrag unter die Lupe genommen hatte. Der Gemeindeverbund der Côte Vermeille schrieb die Wasserversorgung sogar neu aus. Der bisherige Betreiber, die marktführende Générale des Eaux, die heute als Vivendi firmiert, bewirbt sich auch wieder. Ihr neues Angebot liegt nun bemerkenswert nahe an dem Preis, den Michel als angemessen berechnet hatte - um 39 Prozent niedriger als zuvor. Gut für Michels Kunden, schlecht für ihn: Denn auch Vivendi will ihn auf Schadenersatz verklagen.

Vivendi und Suez-Lyonnaise sind mit Jahresumsätzen von 12,3 und 9,1 Milliarden Mark (1997) die größten Versorgungsunternehmen der Welt. In Frankreich teilen sie sich den Wassermarkt mit einer Tochtergesellschaft des Baukonzerns Bouygues (Saur). Aber auch bei internationalen Ausschreibungen stoßen die Franzosen immer wieder aufeinander: Ende August 1998 erhielt Suez-Lyonnaise den Zuschlag für die Wasserversorgung von Atlanta,Georgia, gegen vier Mitbewerber, darunter selbstverständlich Vivendi und Bouygues.

Auch in Berlin, das seine Wasserbetriebe in diesem Frühjahr privatisieren möchte, haben sich Vivendi und Suez-Lyonnaise beworben. Beide Unternehmen sind bereits seit langem in Deutschland aktiv. Suez-Lyonnaise betreibt in einem Gemeinschaftsunternehmen mit Thyssen-Krupp (Eurawasser) die Wasserversorgung von Rostock, Goslar und Potsdam. Vivendi ist gemeinsam mit Gelsenwasser (52 Prozent PreussenElektra, 28 Prozent VEW) zum Beispiel in Leipzig zum Zug gekommen.

Brutale Drohungen sollen Kritiker einschüchtern

Angesichts ihrer internationalen Ambitionen sind den französischen Wasserkonzernen die Aktivitäten ihres ehemaligen Mitarbeiters und die damit verbundene Publizität höchst unwillkommen. Jacques Michel hat den Mißmut der Unternehmen nicht nur mit Schadenersatzklagen zu spüren bekommen. Einmal hat ihm ein Unterhändler eine große Abfindung zugesagt, wenn er seine Buch- und Vertragsprüfungen einstellen würde. Ein anderes Mal hat die Polizei in Paris zwei bewaffnete Männer verhaftet, die gerade auf dem Weg waren zu Jacques Michel.