Er war ein Grieche aus Kleinasien, reiste durch den östlichen Mittelmeerraum und studierte für sein Werk fleißig einschlägige Reiseberichte. Was wir über den Schriftsteller Pausanias wissen, läßt sich seiner Beschreibung Griechenlands entnehmen. Dieser antike Baedeker entstand zwischen 140 und 170 nach Christus und reagiert auf das zeitgenössische Interesse der römischen Oberschicht an den Relikten des unterworfenen Hellas.

Die meisten Kapitel beschreiben Kunstgegenstände wie Tempel, Statuen oder andere Monumente des griechischen Festlands. Pausanias' Darstellungen sind als beinahe einzige historische Quelle einer nunmehr vollends versunkenen Herrlichkeit von immenser Bedeutung für unsere Kenntnis der Antike. Viele Passagen strapazieren allerdings die Geduld des Lesers, da sie den Charakter nüchterner Aufzählungen besitzen: noch eine Zeusstatue, noch ein Weihegeschenk, noch ein Grab. Ohne die eingestreuten Historien, die sich um die einzelnen Monumente ranken, wäre das Buch eine recht mühselige Lektüre.

Da ist etwa die Geschichte des Boxers, mutmaßlichen Viertelgottes und Denkmalfetischisten Theagenes. Schon als Knabe erregt er Aufsehen, indem er eine bronzene Statue ins Haus seiner Eltern schleppt. Später wird er mehrmals Olympiasieger und macht auch als Sprinter eine gute Figur, "insgesamt gewann er tausendvierhundert Kränze". Nach seinem Tod wird dem Champion in seiner Heimatstadt Thasos eine Statue errichtet. Doch ein Neider geißelt Nacht für Nacht das Bronzebild, bis ihn die gerechte Strafe ereilt. Die Statue kippt vornüber und erschlägt ihn. Dafür muß sie nun ihrerseits büßen und wird im Meer versenkt. Mißernten und Orakelsprüche veranlassen die Thasier zur Einsicht in ihren Frevel. Die Statue des Theagenes wird wieder an ihrem angestammten Platz aufgestellt: "Sie pflegen ihm nun wie einem Gott zu opfern."

Die Pausanias-Ausgabe, die jetzt im Manesse Verlag erschienen ist, enthält nicht den gesamten Text, da er, so der Herausgeber Jacques Laager, um "längere historische Exkurse" gekürzt worden ist. Statt dessen erleichtern einige Zusätze die Orientierung: Jedes Kapitel wird mit einer kurzen Zusammenfassung eingeleitet, Nachwort, Anmerkungen, Karten und Register runden den sorgfältig edierten Band ab.

Eine Bestandsaufnahme dessen, was heute noch von der Antike überdauert, leistet ein Buch aus dem Reclam Verlag: Griechenland. Ein Führer zu den antiken Stätten. Deren Auswahl orientiert sich an den heutigen Grenzen des Landes und am Erhaltungszustand der Relikte. Orte, die dem Auge des Besuchers inzwischen nichts mehr zu bieten haben, werden nicht aufgeführt. Die Einträge des Bandes warten mit detaillierten Beschreibungen und Lageplänen der Fundstätten auf und überzeugen durch die Beschränkung auf das Wesentliche. Schnurrige Legenden wird man hier vergebens (eben viel besser bei Pausanias) suchen. Dafür hält der Benutzer ein Vademecum in Händen, das zur schnellen und gründlichen Orientierung verhilft.

Zwei Bände also, die einander bestens ergänzen. Und im Vergleich werden die Verluste deutlich: Die Bronzestatue des Theagenes kommt im Reclam-Kunstführer nicht vor.