Alles beginnt mit einem Zischen in der Luft. Am Vormittag des 9. Mai 1997 überquert die Studentin Marta Russo mit ihrer Freundin Jolanda den Hof der juristischen Fakultät der Universität Rom, um aus der Telefonzelle gegenüber ihren Freund anzurufen. Plötzlich zerreißt ein Knall die Luft, Marta Russo bricht zusammen. Aus einem kleinen Loch über ihrem linken Ohr sickert Blut. Ein Kommilitone ruft mit seinem Handy einen Krankenwagen. Vier Tage später stirbt die 22jährige Jurastudentin. Wie Gerichtsmediziner feststellen, hat ein Projektil vom Kaliber 22 ihren Schädel durchschlagen. Die Eltern geben Martas Körper für Transplantationen frei, um wenigsten so dem rätselhaften Tod ihrer Tochter einen Sinn zu geben.

Die Ermittlungen drehen sich bald im Kreis: Es gibt einen Mord, aber kein Motiv. Die Tochter eines Sportlehrers und einer Hausfrau war eine unauffällige Studentin, deren einzige Extravaganz sich im Titel einer Florettfechtmeisterin erschöpfte. Marta wohnte zu Hause, ihre engste Freundin war ihre Schwester. Sie hatte einen netten Freund und träumte davon, Richterin zu werden. War es die Tat eines Serienkillers? Eines Terroristen? Oder war Marta Zufallsopfer eines Wahnsinnigen?

Die Ermittlungen gehen indes nur zäh voran. Das Rechtsempfinden der größten juristischen Fakultät des Landes scheint nicht ausgeprägter als das in einem sizilianischen Dorf. Die Ermittlungsrichter und Beamten kämpfen gegen eine Mauer des Schweigens, klagt der römische Polizeipräfekt. Der Staatsanwalt spricht von einem mafiösen Klima. Einen Monat nach dem Mord wird der Institutsdirektor Bruno Romano vor-übergehend verhaftet - wegen Begünstigung einer Straftat. Er habe seine Mitarbeiter aufgefordert, nicht auszusagen.

Der Institutsdirektor Bruno Romano:

"Natürlich liefen die Ermittler auch bei uns im Institut für Rechtsphilosophie herum. Ich nahm gerade Prüfungen ab, als zwei Polizisten fragten, ob sie einige Studenten vernehmen könnten. Ich habe versucht, ihnen klarzumachen, daß das unmöglich sei, denn viele Studenten waren extra für diese Prüfung gekommen, und ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht ein einziges Mal meine Prüfungen verschoben, das wäre völlig undenkbar gewesen. Schließlich trage ich Verantwortung gegenüber dem Institut und dem Lehrbetrieb. Und dann schrieb die "Unità", daß ich die Ermittlungen behindert hätte und die Schlüssel nicht herausgeben wollte. Aber das stimmt nicht. Diese Beamten wissen gar nicht, wie man Ermittlungen richtig führt. Meinen Mitarbeitern habe ich lediglich gesagt, daß sie die Sache auf sich beruhen lassen sollen. Wir wissen nichts. Der Mensch ist nun mal ein böses Tier, was will man machen."

Die Medien schaudern: Omertà , das Gesetz des Schweigens, selbst an der Universität? Italien ist empört. Gibt es an der größten juristischen Fakultät des Landes nicht eine Spur von Bürgersinn? Man ruft nach Gerechtigkeit und einer harten Strafe für die gewissenlosen Mörder, und das Erstaunen ist groß, als die Polizei zwei Tage später keinen wahnsinnigen Serienkiller, sondern zwei junge Assistenten des rechtsphilosophischen Instituts verhaften, den 30jährigen Giovanni Scattone und den 31jährigen Salvatore Ferraro. An Scattones Kleidung und an Ferraros Tasche waren die gleichen Pulverspuren festgestellt worden, die auch am Fensterbrett der Aula des Instituts für Rechtsphilosophie gefunden worden waren. Beide bestreiten jede Schuld. Sie kannten Marta Russo nicht.

Italien ist schockiert. Ist der Mord das Ergebnis der Allmachtsphantasien zweier junger Wissenschaftler, die sich so geschmeidig durch das akademische Dickicht der juristischen Fakultät bewegten, daß sie sich für unfehlbar hielten? Mord aus philosophischen Motiven? Mord als intellektuelles Gesellschaftsspiel?