Nach der erstaunlichen und nicht mehr zu bremsenden Karriere des "Quantensprungs" drängen nun auch andere physikalische Fachausdrücke in die Umgangssprache. Allen voran hat der Urknall seine kosmologische Nische verlassen und bebt über die Politik und das Feuilleton bis auf die Sportseiten. Überall wird mit wachsender Begeisterung urgeknallt, ungeachtet dessen, daß in dem deutschen Wort Urknall besser als im englischen big bang die absolute Einmaligkeit des Vorgangs zum Ausdruck kommt.

"Die väterliche Familie in finanziellen Nöten, die Mutter krebskrank im Sterben - das war der Urknall für den unermüdlichen Ehrgeiz...", und zwar den von Tony Blair. Beim Berliner Sechstagerennen erschallt dagegen "ein Urknall in Form eines doppelten Pistolenschusses durch den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und den Show-Star Gunther Emmerlich". Und ein Filmkritiker sieht staunend, wie in dem Film Schlafes Bruder "ein einziger Wassertropfen, der auf einen Stein aufprallt, zum Urknall" wird. Selbst wenn Nicholaus Harnoncourt mit den Philharmonikern Beethovens Vierte interpretiert, wirken die "scharf akzentuierten Tutti-Schläge wie ein Urknall". Alle wie einer?

Manchmal ist es auch wichtig mitzuteilen, daß es, wie im Fall eines neuen Motorrads, "keinen Urknall gibt, wenn man Gas gibt". Gott und Auspuff sei Dank. Und die "zweite Stufe der Bahnreform ist nach den Worten von Bahn-Chef Johannes Ludewig zwar kein Urknall..." Aha.

Die Beispiele belegen deutlich ein differenziertes Vorgehen bei der Umdeutung naturwissenschaftlicher Begriffe. Während der in der Natur ständig vorkommende, aber als Einzelereignis kaum wahrnehmbare Quantensprung eindeutig eine Aufwertung zum bemerkenswerten Vorkommnis erfährt, wird der singuläre, gigantische Urknall zum Ereignis mittlerer Bedeutung degradiert.

Offensichtlich gilt auch für die Entwicklung der Sprache der zweite Hauptsatz der Wärmelehre, der besagt, daß sich in einem abgeschlossenen System alle Unterschiede ausgleichen, bis ein Zustand maximaler Unordnung erreicht ist.