Zum Repertoire jedes chinesischen Diplomaten gehört es, die hohe Kriminalitätsrate amerikanischer Großstädte hervorzuheben, um im gleichen Atemzug die Sicherheit in den Metropolen der Volksrepublik zu preisen. Das war einmal: In Chinas Städten sind im Januar 29 Menschen durch Bomben ums Leben gekommen. In Shenzen wurde ein Attentat erst in letzter Sekunde verhindert. Die Gründe für diesen Bombenterror liegen auf der Hand: Wachsende soziale und wirtschaftliche Freiheiten im größtenteils bitterarmen China bedingen Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Ruhe und Ordnung werden erst dann wieder zurückkehren, wenn die Volksrepublik das Pro-Kopf-Einkommen Singapurs erreicht hat.

Für das unvermeidliche Übergangschaos aber findet die Regierung in Peking keine Worte. Den von Deng herbeigezauberten Kapitalismus nennt sie "sozialistische Marktwirtschaft", die neuen Arbeitslosen sind für sie "freigesetzte Arbeiter". Kriminalität und soziale Proteste sind "Randerscheinungen". So täuscht Peking das Volk über die größten Erfolge und die größten Probleme der Reformpolitik. Noch immer haben die Regierenden zuviel Angst vor der Freiheit, die sie selbst schufen. Andernfalls würden sie rasch erkennen: Hätte ihr Land nur die amerikanischen Großstadtprobleme - es könnte damit gut leben.