Seit dem vergangenen Herbst versucht der New Yorker Anwalt Ed Fagan, die Deutsche und die Dresdner Bank wegen ihrer Verstrickung in die Verbrechen des Naziregimes zu gewaltigen Entschädigungsleistungen zu zwingen. Er dürfte diesem Ziel ein großes Stück näher gekommen sein. Der Weg an die Kassen in Frankfurt führt über Österreich. Wie Fagan am Dienstag erklärte, hat die Bank Austria, gegen die ebenfalls eine Sammelklage läuft, "im Prinzip" einem außergerichtlichen Vergleich zugestimmt und wird eine größere Geldsumme zur Verfügung stellen. Den von der Zeitschrift Profil genannten Betrag von 40 Millionen Dollar mochte Fagan allerdings nicht bestätigen. Auch die Bank Austria wollte "nichts sagen".

Eine solche Vereinbarung wäre aus zwei Gründen von äußerster Brisanz für die beiden deutschen Geldhäuser: Erstens geraten sie damit noch stärker unter Druck, nach dem österreichischen Vorbild einem außergerichtlichen Vergleich zuzustimmen. Eine solche Lösung haben sowohl Deutsche als auch Dresdner Bank bisher abgelehnt. Statt dessen setzen sie auf die Einrichtung eines gemeinsamen Fonds, aus dem alle Entschädigungsleistungen beglichen werden sollen (siehe Kommentar Seite 26).

Zweitens aber, und das wäre der Clou der jüngsten Vereinbarungen, haben die Österreicher offenbar vor, die Deutschen einen Großteil der Zeche zahlen zu lassen. Wie Fagan bestätigt, gelang es der Bank Austria bei den Verhandlungen, sich selbst als Opfer darzustellen. Tatsächlich gehörten ihre Vorläuferinstitute Creditanstalt und Länderbank während der Zeit des Naziregimes der Deutschen beziehungsweise der Dresdner Bank. Von beiden plant die Bank Austria nun ihrerseits Entschädigungsleistungen zu fordern, die sie Fagan zufolge an die US-Sammelkläger abtreten würde.

So "kooperative und moralisch anständige" Verhandlungsgegner wie die Österreicher habe er bisher in seiner 18jährigen Laufbahn als Anwalt noch nicht erlebt, sagt Fagan. Die Vorstandssprecher der Deutschen und der Dresdner Bank, Rolf-E. Breuer und Bernhard Walter, werden das wohl anders sehen. Denn noch steht nicht fest, welche Rolle die einst bei der Creditanstalt und der Länderbank beschäftigten Österreicher spielten, ob sie tatsächlich Opfer oder nicht doch auch Mittäter waren. Für Fagan ist die Sache klar: Die Bank Austria habe Dokumente vorgelegt, die für die deutschen Banken "vernichtend" seien. Dies verwundert insofern, als die Historiker, die derzeit über die Rolle der Deutschen und der Dresdner Bank unter dem Hakenkreuz forschen, bislang davon ausgehen mußten, daß bei der Bank Austria überhaupt keine Unterlagen mehr existieren. Entsprechende Anfragen auf Akteneinsicht waren jedenfalls bislang von Österreichern mit diesem Hinweis abschlägig beschieden worden.

Ohnehin begäbe sich die Bank Austria mit dem Opfer-Argument auf glattes Eis. Denn immerhin wäre es möglich, daß sich in den umfangreichen Aktenbeständen von Deutscher und Dresdner Bank andere Erkenntnisse über die Rolle von Creditanstalt und Länderbank finden. In dem Bericht, den der Historiker Johannes Bähr vom Hannah-Arendt-Institut soeben über die Goldgeschäfte der Dresdner Bank im Zweiten Weltkrieg vorgelegt hat, heißt es, daß die Länderbank 1942 versucht habe, auf eigene Rechnung in den Goldhandel einzusteigen. Damals dürfte sich auch in Wien herumgesprochen haben, aus welchen Quellen das Edelmetall stammte.

Klarheit könnte auch hier die Historikerkommission schaffen, die im vergangenen Jahr von der österreichischen Bundesregierung beauftragt wurde, die Rolle der Unternehmen im "Dritten Reich" zu untersuchen. Zu den Mitgliedern zählt unter anderen Alice Teichova, die auch dem Historikerbeirat der Dresdner Bank angehört.