Der größte Stolz, das höchste Glück des Königs von Siam ist sein weißer Elefant. Als dieser eines Tages die Nahrung verweigert und weder Rosenessenzen noch die Bajaderen ihn von seiner Melancholie zu befreien vermögen, wird dem Astrologen des Hofes bei Todesstrafe befohlen, das Rätsel zu lösen. Was ihm glücklicherweise nicht schwerfällt. Im Norden, genauer gesagt in Paris, lebt eine große weiße Dame namens Bianka, der Elefant liebt sie unsterblich, und nur eine Reise an den Seinestrand kann sein Leben retten. Heinrich Heine, der diese Geschichte in den rumpelnden Reimen einer Ballade des Romanzero vorträgt, hat, durch die Stimme des Astrologen, noch einen besonders wichtigen Rat für den König: "Vor allem aber, o König lasse / Ihm reichlich füllen die Reisekasse, / Und gib ihm einen Kreditbrief mit / Auf Rothschild frères in der rue Lafitte. / Ja einen Kreditbrief von einer Million / Dukaten etwa, - der Herr Baron / Von Rothschild sagt von ihm alsdann: / Der Elefant ist ein braver Mann."

In der Ausstellung der Londoner National Gallery, die mit Ingres den großen Porträtisten des 19. Jahrhunderts zeigt und zugleich die größte Präsentierung des Künstlers, die es außerhalb von Paris je gegeben hat, hängt das Halbfigurenbild von Betty de Rothschild, geborene von Rothschild. James Rothschild, der jüngste Sohn des Frankfurter Bankiers, ihr Onkel und Gemahl, war ein Intimus des Königs Louis Philippe (1830-1848), später gefürchtet und als Berater begehrt von Napoleon III. (1852-1870). Er finanzierte den Bau von Eisenbahnlinien und Industrieanlagen und partizipierte so an jenen rasanten ökonomischen Veränderungen, die sowohl die Herrschaft des Bourbonenkönigs wie auch das Zweite Kaiserreich des napoleonischen Neffen kennzeichnen. Den kapitalen, expandierenden Ehrgeiz dieser Epoche kann man heute noch in Haussmanns System der großen Boulevards, in den Eisenund-Glas-Konstruktionen der Bahnhöfe und Ausstellungshallen erkennen.

Die Schönen und die Reichen und die Mächtigen aber, die Nouveau riches und die Parvenüs haben überlebt in den Porträts von Ingres. Betty de Rothschild, in deren Salon in der rue Lafitte Nr. 19 auch Heinrich Heine gern verkehrte, ist in dieser Überlieferung eine schöne, versonnen blickende Frau im hellroten, tief dekolletierten Seidenkleid, mit einer schwarzen, durch zwei weiße Federn geschmückten Kappe und sorgfältig gewählten modischen Juwelen. Reichtum wird hier nicht mehr demonstriert, er ist die Conditio sine qua non, er ist im Hintergrund der weißen Schultern wie der grauen Spitze, er nistet in den Falten des Tafts und hinter der noblen Tapisserie. Nichts, so suggeriert dieses Porträt, wird diese Frau, die gelassen auf dem dunklen Fauteuil sitzt, die Beine unter dem Ballkleid übereinandergeschlagen und einen Ellenbogen auf das Knie gestützt hat, aus ihrer Bahn werfen.

Die Realität wird zur Kunst arrangiert

Jean Auguste Dominique Ingres, 1780 in Montauban geboren und 1867 nach einem langen, arbeitsreichen Leben voller Erfolge in Paris gestorben, ist ein Künstler, an dem sich die Geister scheiden. Einerseits machte er, der immerhin vier politische Zäsuren und eine blutige Revolution dazu erlebte, eine schnurgerade Karriere. Am Anfang, mit 11 Jahren und noch fast ein Kind, die Königliche Akademie - am Lebensende überhäuft mit Preisen, Titeln, Ehrungen. Und doch, so zeigt es das Selbstporträt des 79jährigen, in Würde resigniert. Auf der Pariser Weltausstellung von 1855 waren 69 Bilder von ihm zu sehen. Andererseits wurde der Schüler von David und Bewunderer von Raffael, der viele Jahre in Rom verbrachte, zunächst als Stipendiat, später als Direktor der Villa Medici, durch seinen eingeborenen Klassizismus auch immer als der Künstler desavouiert, der sich dem wahren Leben und vor allem der Zukunft der Kunst verweigere.

Charles Beaudelaire, der mit seinen Kommentaren der Salons die Kunstkritik begründete und ein früher Protagonist von Ingres' antipodischem Zeitgenossen Delacroix war, setzte hier die Maßstäbe. Bis heute folgen ihm die Kunsthistoriker, indem sie Akribie gegen Temperament, Linie gegen Pinselschlag, Vollendung gegen Offenheit ausspielen. Daß es so einfach nicht ist, daß hinter der Kostbarkeit des Sujets und der Perfektion des Handwerks nicht nur eine Ideologie, sondern vor allem auch ein künstlerisches Konzept stand (von dem bekanntermaßen Degas, Picasso und Matisse gelernt haben), zeigt die Londoner Ausstellung, die ein funkelndes Fest für die Augen ist und eine gründliche Lehrstunde zugleich.

Sie beginnt mit einem Coup von hoher Theatralik: dem Bildnis Napoleons I. auf seinem kaiserlichen Thron. 26 Jahre alt war Ingres, als er dieses Bild malte, der Kaiser 37, 2 Jahre im selbstgeschaffenen Amt. Ingres zeigt ihn frontal, marmorn, als Ikone, dekoriert mit den Kostümteilen, überhäuft mit den Insignien der Macht. Napoleon, bleichgesichtig, ist Inkarnation und Puppe zugleich. Ein Hyperrealismus, der absichtslos die Grenze zur Karikatur streift.