die zeit: Wenn Joschka Fischer nächste Woche nach Israel reist, wird er gleich drei Rollen spielen: deutscher Außenminister, Vertreter der Europäischen Union und ehemaliger 68er. Was erregt da die größte Neugier?

Dan Diner: Natürlich gibt es auch in Israel ein besonderes Interesse an der Person Fischer. Schließlich steht er für die Entwicklungsgeschichte einer ganzen Generation in der Bundesrepublik, die damals von der Studentenbewegung zumindest beeinflußt wurde. Diese Leute sind nun in die große Politik geraten und tragen eine Verantwortung, die mit dem Projekt der europäischen Integration weit über das eigene Land hinausreicht. Damit war freilich ein Läuterungsprozeß verbunden, der auch das Verhältnis zu Israel umfaßt.

zeit: In welcher Hinsicht hat sich denn das alte Denken gewandelt?

Diner: In der Studentenbewegung herrschte neben allem anderen eine Art Wiederholungszwang. Einerseits wollte man sich von den eigenen Eltern absetzen, andererseits hat man symbolisch und auf verschobene Weise Wiederholungen jener Geschichte ausgelebt, gegen die man angetreten war. So ist etwa auffallend, daß Terrorismus ausgerechnet in solchen Ländern Europas massiv auftrat, die früher nationalsozialistisch oder faschistisch waren, also in Deutschland und Italien. Andere Länder kannten solche Phänomene nicht. In aller Vorsicht könnte daraus geschlossen werden, daß hier ungelebte politische Vergangenheiten abgegolten wurden. So ganz in der Vorstellung eines nachgeholten Widerstandes ...

zeit: ... bei dem sich manche ausgerechnet in palästinensischen Trainingslagern wiederfanden.

Diner: Ja, in der Tat, das war die Spitze des Paradoxen: Aus einem überschäumenden Universalismus in Gestalt von Antikolonialismus und Antiimperialismus wurden die eigenen Schuldgefühle wegen des Holocausts verleugnet und politisch konvertiert.

zeit: Wie tief reicht der Wandel der 68er?