Frau Schipanski sei eine respektable Person, aber ..., sagt Oskar Lafontaine, sagt Herta Däubler-Gmelin, sagt Renate Schmidt, sagt Heide Simonis, eine respektable Person, aber durchaus kein Grund, den eigenen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten in Frage zu stellen.

Von Lafontaine ist nichts anderes zu erwarten; er hat den ruchbar gewordenen Kuhhandel um den Kandidaten Johannes Rau eingefädelt und durchgesetzt. Aber die Frauen. Die Frauen regen mich auf. Heide Simonis, die eher durch riskante Sätze auffällt als durch soldatischen Parteigehorsam, die ich immer gemocht habe, Heide Simonis kränkt mich besonders. Mit dem herablassenden Lächeln der Ignoranten steht sie vor der Kamera und sagt die eingeübten Sätze auf.

Es ist ja wahr: Die CDU hat niemals eine Frau nominiert, wenn ihr Kandidat Aussicht auf Erfolg hatte. Aber die SPD hat nicht einmal ohne die Aussicht auf Erfolg eine Frau vorgeschlagen. Es stimmt auch, daß die Entscheidung der CDU für eine Frau aus dem Osten das reine politische Kalkül ist. Und die Kandidatur von Johannes Rau ist kein politisches Kalkül? Hat man ihm nicht, um ihn zum Rücktritt als Ministerpräsident zu bewegen, das noble Amt des Bundespräsidenten versprechen müssen? Nicht das Kalkül ist interessant, sondern die Intelligenz und das Ergebnis des Kalküls.

Dagmar Schipanski ist eine Wissenschaftlerin von gutem Ruf mit einer untadeligen Biographie und mit politischem Verstand, eben eine respektable Person, aber ... Aber, sie ist ganz und gar unbekannt, sagt Oskar Lafontaine, sagt Renate Schmidt, sagt Heide Simonis. Auch das stimmt. Bis vor zwei Wochen war Frau Schipanski der Öffentlichkeit unbekannt. Ja und?

Wer ist der Öffentlichkeit denn bekannt? Jürgen Wussow, Madonna, Helmut Kohl, Heino, Boris Becker, Johannes Rau. Über Wissenschaftler wird nicht täglich in den Zeitungen geschrieben, in den Klatschspalten schon gar nicht. Wissenschaftler werden von Wissenschaftlern gekannt. Auch Politiker sind so lange unbekannt, bis ihre eigene Partei sie bekannt macht. Das Amt des Bundespräsidenten ist überparteilich. Es muß also möglich sein, Menschen, die weder Popstars noch Schauspieler, noch Politiker sind, aber ausgestattet mit allem, was wir uns für unseren höchsten Repräsentanten wünschen, in dieses Amt auch zu wählen.

Bis zum 23. Mai hat Dagmar Schipanski Gelegenheit, sich denen, deren Präsidentin sie werden will, vorzustellen. Und selbst wenn wir sie am Ende dieser Zeit liebten, wenn wir sie nicht nur dreimal, sondern hundertmal Johannes Rau vorzögen, bliebe alles so, wie Lafontaine es in einem Machtakt der Koalition verordnet hat, sagt Herta Däubler-Gmelin, sagt Renate Schmidt, sagt Heide Simonis, als wäre Rau ihre eigene Option, als wäre ihre eigene Kandidatin Jutta Limbach nicht rüde der Parteikungelei geopfert worden.

Welche guten oder schlechten Gründe die CDU auch hatte, mit Dagmar Schipanski hat sie eine Kandidatin präsentiert, die zu prüfen es lohnt. Statt sich und alle Frauen, die ihnen zusehen, vor den Kameras in peinlichem Gehorsam zu blamieren, sollten die Frauen von der SPD herausfinden, ob es wirklich keine Gründe gibt, den eigenen Kandidaten in Frage zu stellen, ob die Präsidentin nicht die klügere Wahl wäre als der Präsident.