Das Goethe-Jahr ist einen Monat alt - schon möchte man den Jubilar, beim Blick auf zwei neue Großunternehmen am Theater, unter Artenschutz stellen. In Frankfurt am Main inszeniert das Regie-Doppel Tom Kühnel/Robert Schuster Faust - Der Tragödie erster Teil (4612 Verse in vier Stunden mit einer Pause), in Weimar Michael Gruner beide Teile der Tragödie (12111 Verse in fünfeinhalb Stunden mit zwei Pausen).

Die Gesamtdauer der an einem Wochenende erlittenen Spielzeit, womit die beiden Goethe-Städte das Gedenkjahr am Theater eröffnen, beläuft sich ziemlich genau auf 250 Jahre. So alt war Goethe, gerade weil auf jung geschminkt, schon lang nicht mehr. Er ruhe in Frieden.

Am Faust darf (vielleicht: muß) man scheitern. Nur: auf welchem Niveau. Nach Klaus Michael Grübers Faust in Paris, nach Peymann in Stuttgart, Günter Krämer in Bremen durfte man im Wahn leben, es sei - bei schierer Lektüre, die sich deutsche Theater gern als "Dramaturgie" honorieren lassen, beim bloßen Handwerk, für unsere Jahre - ein Grad an Vertrautheit, an Sicherheit erreicht, der solches Elend, wie jetzt in den beiden Goethe-Städten zu besichtigen, verbietet.

Keine Angst, Sie werden nicht mit Vergleichen historischer Aufführungen behelligt. Doch die beiden Premieren, vom Publikum zum Teil umjubelt, bezeichnen einen Tiefpunkt - auch der Zuschaukunst - über den man einen Augenblick nachdenken sollte.

Fast sprichwörtlich seit zweihundert Jahren der Schluß eines Selbstgesprächs von Gretchen: "Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen."

In Weimar legt der Regisseur diese Verse Margaretes älterer Nachbarin Marthe Schwerdtlein in den Mund. Die Mutter vieler Kinder ist, was sie erst jetzt erfährt, seit Jahren Kriegerwitwe. Lange schon lebt die Frau eines in Italien vagabundierenden Söldners allein, in finanzieller, in seelischer, in körperlicher Not. Die beiden noch als Jungregisseure gehandelten männlichen Grauköpfe in Frankfurt haben die Delikatesse, diese lebenshungrige Frau dem Publikum mit gespreizten, entblößten Schenkeln, hochgeschlagenen Röcken, einsam auf dem Bett - ja zu: präsentieren, und sie rasch an den Fingern schnüffeln zu lassen, ehe sie, noch halb benommen, einen Gast empfangen muß.

Wieviel zärtliche Diskretion, ja Liebe für diese Frau, sein Geschöpf, das er aber allenthalben kennenlernen konnte, läßt Goethe walten. Nicht ohne Ironie zeichnet er dieses arme, einsame Wesen, das selbst dem Teufel noch schöntut. Was bringt es, wenn man Gretchens Satz von Marthe Schwerdtlein aufsagen läßt? Nichts. Geld regiert die Welt: Das ist ja die Erfahrung einer bös in die Lebensschule genommenen Witwe.