Jede Epoche hat ihre Heilige und ihre Versucherin. Iphigenie und Helena, Maria und Magdalena, Greta Garbo und Mae West; und jetzt, ach!, Lady Di und Monica Lewinsky. Die magersüchtige Prinzessin und die pummelige Sekretärin, sie sind das Zwiegestirn unserer Belanglosigkeit. Aber der einen singt Elton John ein Ständchen am Grab, der anderen geht höchstens noch ein Kenneth Starr an die Wäsche. Amerikas Rose verblüht im Blitzlichtzucken der Fotografen, erstickt am Fragenquark der Untersuchungsausschüsse. Alle verachten, alle bemitleiden Monica. Aber eine Ikone ist sie doch.

In den letzten Wochen ist die Ikone viel unterwegs gewesen, von Los Angeles nach Washington, von Brentwood ins Hotel Mayflower und zurück. Das Fernsehen hat sie am Hoteleingang oder am Flughafenterminal abgepaßt und dabei hier einen vorbeihuschenden Haarschopf, dort ein von Leibwächtern verdecktes Profil und ab und zu sogar ein ganzes Gesicht aufgenommen, ein Frauengesicht, vor dem der Präsident die Fassung und den Sinn für ehebrecherische Diskretion verlor und das für alle Zeiten von dieser fatalen Zärtlichkeit gezeichnet bleibt. Das Ungeheuerliche, daß ein amerikanischer Richter Miß Lewinsky zwang, vor einer Delegation von Kongreßmitgliedern auszusagen, die keinerlei Rechtsgewalt über sie besaßen, spielte in der Berichterstattung nur eine Nebenrolle. Der richterliche Entscheid macht zwar Henry Hydes Gerede von equal justice before the law zur Makulatur, aber er entspricht viel zu sehr der amerikanischen Gier nach bildlicher Unmittelbarkeit, um ernsthaft in Zweifel gezogen werden zu können.

Jetzt hat Monica Lewinsky, ganz offiziell und endgültig, vor dem republikanischen trial manager Ed Bryant und den beiden Abgesandten des Senats ausgesagt. Was hat sie erzählt? Nichts Neues. Denn hätte sie irgend etwas Bemerkenswertes mitzuteilen gehabt, wäre es unvermeidlich und allen Schweigegeboten zum Trotz zu den Medien durchgesickert. Aber Monica hat, wie alle Beteiligten dieses von Anbeginn versteinerten Prozesses, ihre Rolle weitergespielt, ihre Maske gewahrt, ihre Worte wiederholt. Die üblichen Fernsehverdächtigen, die sie vor kurzem noch gern als dummes Huhn oder Nymphomanin abtaten, nennen sie jetzt plötzlich "eine kluge junge Frau", als hätte das unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführte Montagsverhör zu einem Wahrnehmungsschock geführt. Am sichersten, scheint es, urteilen die Medienköpfe immer dann, wenn sie nichts gesehen haben.

Ein Verleger hat Monica L. 600 000 Dollar angeboten, wenn sie dem Lady-Di-Biographen Andrew Morton ihre Geschichte erzählt. Im Interesse aller ist zu hoffen, daß die Versucherin dieser Versuchung widersteht. Vielleicht können wir ihr dann irgendwann wieder bei Ralph's auf dem Wilshire Boulevard oder Whole Foods auf San Vicente begegnen, ohne mit Fingern auf sie zu zeigen - hier drüben bei uns in Brentwood, in Monicas Welt.

Nächste Woche mehr! Bleiben Sie dran!