Die schnelle Kehrtwende ist nur auf den ersten Blick überraschend. Jahrzehntelang haben deutsche Unternehmen Forderungen von Nazi-Opfern mit allen juristischen Finessen abgewehrt. Jetzt kann es ihnen mit einem Mal gar nicht schnell genug gehen, die überfällige Entschädigung zu leisten.

Des Rätsels Lösung für die plötzlich bekundete Zahlungsbereitschaft: Anders als in früheren Jahren decken sich inzwischen Moral und Geschäftsinteressen. Die Deutschen haben aus dem schlechten Beispiel der Schweiz gelernt, was ihren Unternehmen droht, wenn sie sich weiterhin Entschädigungszahlungen verweigern würden. Zu Recht waren die eidgenössischen Banken wegen ihrer Geschäfte mit Nazigold und wegen ihres skrupellosen Umgangs mit "nachrichtenlosen Konten" von Holocaust-Opfern vor allem in den Vereinigten Staaten in Verruf geraten. Es waren ja nicht nur die Klagen auf viele Milliarden Dollar Schadenersatz, sondern insbesondere auch der beschlossene Boykott amerikanischer Bundesstaaten, der die Schweizer Bankiers im vergangenen Jahr zum Nachgeben und zur Zahlung von 1,25 Milliarden Dollar gezwungen hat.

Klar ist, daß es nicht um eine persönliche Schuld der heute agierenden deutschen Manager geht, die während der Naziherrschaft im Kindesalter oder noch gar nicht geboren waren. Aber es geht um die Verantwortung der von ihnen geleiteten Industrieunternehmen und Banken, die damals das Regime stützten, schamlos in der Produktion Millionen Zwangsarbeiter ausbeuteten, an "Arisierungen" verdienten, Gewinne aus den Kontoführungen für SS-Organisationen oder auch dem Handel mit Gold zogen, das Opfern der Konzentrationslager und in besetzten Ländern geraubt worden war.

Viel zu lange wurde das üble Verhalten der damaligen Unternehmensleitungen verschwiegen, verdrängt und geleugnet. Und nicht selten wurde Mittäterschaft sogar in eine Opferrolle umgemünzt. Erst seit kurzem, viel zu spät, werden Firmenarchive geöffnet, um der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Viele Dokumente hierzulande, aber vor allem auch in Osteuropa, konnten bisher noch gar nicht gesichtet werden. Nicht ohne Grund befürchtet ein deutscher Topmanager noch "fürchterliche" Entdeckungen.

Totschweigen, Leugnen, Schönfärben helfen heute selbst dem vordergründigen Geschäftsinteresse nicht weiter, von moralischen Maßstäben ganz zu schweigen. Auch wenn das ruppige Vorgehen einiger amerikanischer Anwälte und Interessensvertreter nicht über jeden Zweifel erhaben ist, jeder deutsche Manager weiß inzwischen: Wer auf dem lukrativen amerikanischen Markt ins Geschäft kommen oder auch nur im Geschäft bleiben will, der muß den moralischen Verpflichtungen seines Unternehmens aus der Zeit des "Dritten Reichs" gerecht werden. Das hat nicht zuletzt die Deutsche Bank erfahren, die inzwischen fürchtet, daß sogar die beabsichtigte Übernahme von Bankers Trust an Störmanövern scheitern könnte, wenn sie sich gegenüber den Forderungen Geschädigter aus der Nazizeit nicht nachgiebiger zeigt. Kein Wunder, daß die Topmanager jetzt willens sind, sich an einem neuen Stiftungsfonds zu beteiligen, aus dem vor allem ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt werden sollen. Folglich setzen sie mit gutem Grund auf einen Erfolg von Kanzleramtsminister Bodo Hombach, der in der nächsten Woche in Washington darüber verhandelt, daß die Unternehmen nach Einrichtung des Entschädigungsfonds künftig gegen Sammelklagen von Opfern rechtlich abgesichert werden.

Bei allem berechtigten Interesse der deutschen Firmen an einer solchen Absicherung - es wäre von den Managern zu kurz gedacht, würden sie nur das Ziel im Sinn haben, Klagen und Boykottdrohungen in den Vereinigten Staaten vom Tisch zu bekommen und die finanziellen Mittel für die neue Stiftung auf ein möglichst leicht verkraftbares Maß zu begrenzen. Wenn die Stiftung ihren geplanten Namen "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" zu Recht tragen und dem moralischen Anspruch genügen soll, muß sie großzügig dotiert werden.

Aber nicht nur die Summe ist entscheidend, es geht auch um die Zeit: Vorrangig ist jetzt eine angemessene Entschädigung der Zwangsarbeiter, bevor noch mehr von ihnen sterben. Derzeit leben in Osteuropa vermutlich noch 400 000 bis 500 000 der einst 10 Millionen Zwangsarbeiter, die bisher bei den Wiedergutmachungsleistungen aus der Staatskasse von mehr als 100 Milliarden Mark leer ausgegangen sind oder bestenfalls minimale Beträge erhalten haben. Hier ist eine schnelle und unbürokratische Auszahlung notwendig.