In Osttimor steht die Welt auf dem Kopf. Mehr als zwanzig Jahre lang erlebte und erlitt das Inselvolk die Machthaber im fernen Jakarta als Peiniger, die mit allen Mitteln versuchten, die ehemals portugiesische Kolonie ins indonesische Staatsgebiet einzugliedern. Nun soll alles anders werden: In der vergangenen Woche bot die Regierung überraschend eine weitgehende Autonomie an - und, falls gewünscht, sogar die Unabhängigkeit.

Was steckt hinter dem Angebot? Indonesiens Staatschef Habibie, der mehr als ein Übergangspräsident sein möchte, scheint begriffen zu haben, daß mit Osttimor nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren ist. Die gewaltsame Unterdrückung einer Freiheitsbewegung, deren Repräsentanten mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden, schadet dem Ansehen Indonesiens in hohem Maße. Gerade jetzt, auf dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise, ist das Land aber auf den guten Willen der internationalen Gemeinschaft angewiesen.

Dürfen die Osttimoresen also jubeln? Erste Reaktionen zeigen, wie gespalten sie in der Unabhängigkeitsfrage in Wahrheit sind. Überließe man das kleine und zudem bitterarme Volk in dieser Lage sich selbst, drohte ein neuer Bürgerkrieg. Der "Kieselstein im indonesischen Stiefel" (Außenminister Ali Alatas) könnte bald die ganze Weltgemeinschaft drücken.