Moskau

Im Zeichen der brisanten Wirtschaftskrise wächst für Moskau die Bedeutung des Verhältnisses zu Deutschland. Die Bundesrepublik ist Hauptgläubiger Rußlands. Der Umfang der von Rußland allein gegen Garantien Bonns aufgenommenen Anleihen nähert sich Schätzungen zufolge 75 Milliarden Mark. Die Deutschen tätigten bisher 40 Prozent der ausländischen Investitionen dort; sie führten größtenteils zu Verlusten. Dennoch wollen die meisten der in unserem Land registrierten deutschen Firmen und Joint-ventures (insgesamt gibt es etwa 2000) offenbar ihre Tätigkeit fortsetzen.

Rußland ist auch ein wichtiger Handelspartner Deutschlands. Ein Drittel des Gases zum Beispiel, das die Bundesrepublik verbraucht, kommt aus russischen Quellen, und zu ihm gibt es - ungeachtet der Versuche, die Einfuhr zu diversifizieren - keine Alternative. Das Volumen des bilateralen Handels der beiden Länder dürfte sich 1998 auf mehr als 30 Milliarden Mark belaufen haben; das ist allerdings etwas weniger als im Vorjahr. Die Einführung des Euro wird sich auch auf die russische Verflechtung mit den europäischen Finanzstrukturen auswirken. Es ist daher offensichtlich, daß wirtschaftliches und politisches Chaos in Rußland, sollte es so weit kommen, auch Europa und besonders Deutschland sehr stark treffen würde.

Bonn wird nicht müde, zu wiederholen, daß es Rußland als eine tragende Stütze der europäischen und der Weltordnung und als einen wichtigen Partner bei der Überwindung der Weltkrisen und der globalen Herausforderungen braucht. Dies wird in Moskau nicht als höfliche Floskel verstanden.

Nach dem Zusammenbruch der zweipoligen Weltordnung ist das Gewicht der Bundesrepublik gewachsen. Sie wurde nicht nur zu einer Lokomotive der europäischen Integration, sondern auch zu einer wirtschaftlichen Supermacht im Zentrum Europas. Das wiedervereinigte Land hat neue Ambitionen und füllt gierig das geopolitische Vakuum im Osten und Südosten Europas aus, das nach dem Auseinanderfallen des Warschauer Vertrages und der UdSSR sowie dem Zerfall Jugoslawiens entstand. Diese "Versuchung durch die Macht" führte Deutschland bereits zweimal während dieses Jahrhunderts in die Katastrophe.

Rußland als Kraftzentrum und wichtiger Partner im Osten und nicht bloß als Exportmarkt und Rohstoffreservoir entspricht durchaus, wie uns scheint, deutschen Vorstellungen von eigenen nationalen Interessen zur Gewährleistung der gesamteuropäischen Sicherheit. In der deutschen Diplomatie wird deshalb nach unseren Erkenntnissen der Anstoß erwogen, bei der Erweiterung der Nato um Polen, Tschechien und Ungarn eine längere Pause einzulegen.

Zugleich erarbeiten deutsche Diplomaten offenbar Vertragsentwürfe für einen weiteren Abbau der Rüstung in Europa und die Gewährung gegenseitiger Sicherheitsgarantien; die Verträge könnten im Sommer 1999 unterschriftsreif sein. Dabei soll Deutschland bereit sein, seine Vorschläge aktiv in der Nato zu verfolgen und in dieser Frage Konsultationen mit Rußland abzuhalten. Was immer aus diesen Plänen wird, eines ist unbestreitbar: Das Vorrücken der weltweit mächtigsten Allianz an die russischen Grenzen, das Konfrontation und antiwestliche Stimmungen provoziert, wäre ohne Deutschland unmöglich.