Wo könnten Eigenbrödler besser gedeihen als in der Abgeschiedenheit von Neu-England? Dort, wo Thoreau seine Hütte in den Wäldern gezimmert hatte, wo Emerson und Hawthorne ihren transzendentalen Meditationen nachhingen. Dorthinein, ins Städtchen Danbury/Connecticut, wurde der Avantgardist avant le lettre und Einsiedler-Komponist Charles Edward Ives 1874 geboren. Dort erfand er Anfang des Jahrhunderts - vollkommen unabhängig von den ästhetischen Glaubenskriegen Europas - die musikalische Avantgarde nach eigener Art. Der Komponist als Selfmademan. Aus der Tradition nahm er, was ihm zur Hand war und scherte sich ansonsten nicht um Konventionen. Ives markiert den Eintritt Amerikas in die Musikgeschichte.

Die Pianisten läßt er mit den Unterarmen Tontrauben von zwanzig und mehr Tönen gleichzeitig anschlagen. Um eine größere Fülle zu erreichen, rät er in seiner Concord Sonata sogar eine 40-Zentimeter-Holzlatte einzusetzen. Vor allem aber collagiert er die Musik unterschiedlichster Genres, kreuzt die Kirchenlieder der Pietisten mit militärischer Blechblasmusik, verbindet dutzendstimmige Polyphonie mit atonalen Kantilenen. Das Hohe und das Banale reichen sich die Hände zum überraschenden Spiel - auch in seinen Sonatas for Violin and Piano. Sie sind parallel zwischen 1902 und 1916 entstanden, denn Ives schrieb beständig an allen seinen Stücken zugleich, übernahm Passagen von einer Komposition in die andere, mischte, collagierte, übermalte.

Da Ives ein guter Pianist war und in seiner Jugend neben Bach und Beethoven auch die Musik von Brahms aufgesogen hat, sind seine Sonaten von spätromantischer Klangarchitektur, in die er lapidare Marschkarikaturen einbaut. Er läßt einen Ragtime vorbeirollen, fällt in wildes Fiedeln (wie er es von den Bauern kennt) und läßt viel kirchlichen Gesang einfließen - meist im schlicht-naiven Gewand eines Liedes ohne Worte. Der schweizerische Violinist Hansheinz Schneeberger und der kanadische Pianist Daniel Cholette (ECM 1605) haben sich dieser Klangnouvellen angenommen. Zwölf Sätze, gegliedert in vier Sonaten. Und jede erzählt wahrhaftig eine Geschichte. Die Vielzahl der geforderten Stile sprudelt wie selbstverständlich aus den Interpreten: Die jazzigen Toccaten stoßen sie mit dem nötigen Drive an. Sie geben schwärmend-schwelgend die mannigfaltigen Empfindungen angesichts der Natur wieder, und die andächtig-nüchternen Hymnen strömen, als wären Schneeberger und Cholette dabeigewesen. In den glücklichen Tagen in Concord.